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Die deutschen Wirtschaftsblogs (Teil 1): Wie Blogs die ökonomische Debatte beeinflussen

Eine kleine aber aktive und wachsende Szene bloggender Ökonomen, Journalisten und Wirtschaftsblogger führt eine ökonomische Web-Debatte auf hohem Niveau und mit wachsendem Einfluss. Was heute noch in einer Nische diskutiert wird, könnte in naher Zukunft zu einem wesentlichen Bestandteil der ökonomischen Debatte und Agenda werden, wie es in angelsächsischen Ländern heute schon der Fall ist. Eine Bestandsaufnahme der ökonomischen Blogosphäre in drei Teilen.

Ökonomische Fragen gehören derzeit nicht nur zu den wichtigsten Themen der öffentlichen Agenda, sondern auch zu den schnellsten: Krisengipfel, Staats- oder Bankenratings werden mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit be- und neubewertet.

Für sich genommen hinterlässt die Berichterstattung einzelner Medien verwirrende Momentaufnahmen. Eine kleine aber aktive und wachsende Szene bloggender Ökonomen, Journalisten und Wirtschaftsblogger entwickelt aus den fragmentierten Einzelteilen der Berichterstattung einen lebendigen, kontroversen Diskurs, der meiner Ansicht nach für die Meinungsbildung zu komplexen Themen viel effektiver und angemessener ist, als die mediale Einzelbetrachtung.

Rund vierzig Blogs oder aktive Twitter-Kommentatoren sind die Expertenstimmen und Meinungsmultiplikatoren in einer Debatte,  die noch in einer Nische geführt wird, aber stetig an Einfluss gewinnt (Studie der Weltbank dazu hier). Diese Einflüsse habe ich in diversen Chats und Interviews mit Bloggern und Journalisten diskutiert und setze jetzt die Einzelmeinungen zu einem Mosaik der ökonomischen Bloggerszene und der digitalen Meinungsbildung zusammen.

Das Dreigestirn  der Wirtschaftsblogs

Um eine viel diskutierte Plattitüde gleich aus dem Weg zu räumen: Der Grundsatzkonflikt zwischen Bloggern und Journalisten gehört der in der Ökonomenblogosphäre der Vergangenheit an. Es gibt Qualitätsblogger genauso wie Qualitätsjournalismus und eine Trennung verläuft nicht mehr zwischen „klassischen“ und „sozialen“ Medien, sondern mehr hinsichtlich des Niveaus und Neuigkeitswerts der Beiträge. Auch die Themenagenda ist meist ähnlich, weil man sich häufig auf dieselben Ereignisse und Quellen bezieht. Innerhalb der Debatte gibt es jedoch drei verschiedene  Blog-Charakteristiken mit unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten und Rollenmustern:

Die freien Blogs einzelner unabhängiger Autoren sind die Pioniere der wirtschaftlichen Bloggerszene. Der Blicklog, die Verlorene Generation, die Wunderbare Welt der Wirtschaft, die Querschüsse, der Wirtschaftswurm, der Pixelökonom oder der viel beachtete und zitierte Newcomer kantoos economics (um nur einige zu nennen) sind aus drei Gründen wichtige Katalysatoren und Gate-Keeper der digitalen ökonomischen Debatte:

  • Freie Blogs sind generell mehr auf die Debatte als auf die bloße Publikation ausgerichtet. Sie sorgen per Replik, eigener Expertise, kritischem Kommentar oder Tweet für Diskurs und entwickeln aus einzelnen Beiträgen einen Long Tail aus Meinung, Verifizierung, Ergänzung oder Falsifizierung.
  • Sie greifen Beiträge aus Medien und wissenschaftlichen Quellen auf und eröffnen ihnen Reichweite durch die Weitergabe im eigenen Netzwerk über Twitter, google plus, rivva oder anderen Diensten. Auf diese Weise schaffen sie Aufmerksamkeit bei Lesern genauso wie Wertigkeit bei Suchmaschinen.
  • Freie Blogs sind häufiger spezialisiert und beleuchten allgemeine wirtschaftliche Entwicklungen unter einem besonderen Blickwinkel. Wenn der Blicklog beispielsweise die Auswirkungen wirtschaftspolitischer Entscheidungen auf die Unternehmensfinanzierung analysiert, verarbeitet er damit allgemeine Themen in einem besonderen fachlichen Kontext und bietet damit Inhalte mit der Informationstiefe eines Fachmagazins und der Aktualität einer Tageszeitung an. Die vielfältigen Spezialisierungen der freien Bloggerszene dürften innerhalb der Debatte ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal sein.

Die journalistischen Blogs oder Medienblogs wie Fazit – das Wirtschaftsblog der FAZ-Reaktion, der Herdentrieb von Journalisten der Zeit, dem Handelsblog des Handelsblatts oder das Wirtschaftswunder der FTD verarbeiten oder verlängern die journalistische Arbeit ins Social Web. Sie setzen mit ihren Beiträgen vor allem die Themen der Debatte, weil sie viel im Web zitiert werden und nehmen eine Brückenfunktion der Meinungsbildung ein:

  • In Medienblogs werden Themen vertieft, verlängert oder zugespitzt, die in der redaktionellen Planung aus verschiedenen Gründen keinen Platz finden, für Fachkreise oder Wirtschaftsblogs aber von Interesse sind.
  • Medienblogs oder journalistische Blogs verlinken und zitieren zumindest gelegentlich Quellen aus der Bloggosphäre. Damit werden Beiträge der Medienblogs zum sichtbaren und bewussten Bestandteil der Debatte im Web – viel mehr als Artikel im „normalen“ Online-Auftritt. Laut Patrick Bernau von der FAZ ist das Kategoriendenken ohnehin ein Stück weit obsolet geworden. Journalisten sollten sich auf die wichtigsten Quellen beziehen, seien es Blogs oder andere.
  • Blogs von Journalisten wie Economics Intelligence von Olaf Storbeck, dem Londoner Korrespondenten des Handelsblatts, verbinden sogar das Diskursprinzip des Web und die journalistische Recherche. Sie nutzen die Debatte aktiv, um Fachmeinungen und Nischenexpertise für ihre Beiträge zu aggregieren und integrieren die kollektive Intelligenz ihres Netzwerks in die journalistische Arbeit.

Die Institutionellen Blogs wie die Ökonomenstimme der Konjunkturforschungsstelle des ETH Zürich oder die Wirtschaftliche Freiheit, ein Gemeinschaftsblogprojekt mehrer VWL-Professoren, sind im Feld der Wirtschaftsblogs eher Spätberufene, die mit der Schnelligkeit und den neuen Gestaltungsmöglichkeiten von Blogposts experimentieren,  an der eigentlichen öffentlichen Debatte jedoch noch wenig teilnehmen. Institutionelle Blogs beeinflussen durch renommierte Autoren, wie beispielsweise Hans-Werner Sinn, klassische Medienpartnerschaften oder besondere Expertise, weniger durch ihre Debatten- oder Netzwerkfähigkeit.

Das könnte sich jedoch ändern. Anne Stücker aus der Redaktion der Ökonomenstimme sieht ein großes Bedürfnis gerade bei jüngeren Wissenschaftlern, sich über Blogs und nicht nur den vergleichsweise langsamen und komplexen klassischen Wissenschaftsmedien zu äußern. Institutionelle Blogs sind hier also Ventile aus dem „sprachlichen Elfenbeinturm“ der Wissenschaft, mit denen komplexe Inhalte allgemein verständlich aufbereitet werden.

Der Einfluss von Blogs – Reflexion, Interaktion und Debattendynamik

Für wirtschaftliche Agenda der breiteren Öffentlichkeit sind Blogs derzeit noch von geringer Bedeutung. Wir haben noch keinen deutschsprachigen Paul Krugman, dessen Blogposts die Ökonomenwelt erzittern lassen – aber immerhin werden junge deutschsprachige Blogger wie kantoos von Krugman und anderen Koryphäen zitiert und verlinkt. Für die Debatte insgesamt haben sich die Blogs  heute schon wichtige Funktionen erarbeitet, die in viele Bereiche ausstrahlen: Blogs sorgen generell für Austausch und Interaktion zwischen den fragmentierten Teilbereichen der Debatte. Sie sind nicht nur die sozialen, sondern die Intermedien des wirtschaftlichen Diskurses, weil sie Verbindungen zwischen Autoren, Lesern, Medien und wissenschaftlichen Institutionen schaffen und nebenbei bestehende geistige, sprachliche und sonstige Barrieren schleifen. Das gilt in unterschiedlicher Gewichtung für freie, institutionelle und Medienblogs gleichermaßen.

Blogs bilden außerdem eine kritische Reflexionsebene für Thesen, Artikel oder Rechercheergebnisse. Reflexion durch Blogs findet statt, indem Beiträge in einen inhaltlichen und sozialen Kontext gestellt und in Kommentaren, Repliken und zusätzliche Recherchen kritisch gespiegelt werden. Die Wunderbare Welt der Wirtschaft gilt beispielsweise als Blog, dessen exzellente kritische Recherchearbeit ein wichtiges „öffentliches Gut“ für die Debatte bereit stellt und dafür auch von Journalisten geschätzt wird.

Die Sphäre der deutschen Wirtschaftsblogs ist durch die vielen neuen Blogs auf Medien- und Wissenschaftsseite in Bewegung geraten. Die Debatte verläuft sicher noch asymmetrisch und teilweise insular, aber mit Perspektive, weil durch Blogs und soziale Medien die Debattenkultur insgesamt um damit die Aussichten für Debattenmedien wie Blogs zunehmen.
Die drei unterschiedlichen „Charaktäre“ von Blogs könnten sich eigentlich hervorragend ergänzen, wie der Blick in die angelsächsische Blogosphäre zeigt. Dafür wäre in Zukunft mehr „Social“ als Ergänzung zu „Media“ nötig. Morgen gibt es dazu einen Ausblick zu den Zukunftsperspektiven der deutschen Wirtschaftsblogs. Eine vollständige Blogauflistung mit Portraits folgt ebenfalls.

Hilfreiche Links:

Dirk Elsner / Blicklog: Mind Map als Übersicht zur Wirtschaftsblogosphäre

Patrick Bernau / F.A.Z : Die bunte Welt der Wirtschaftsblogs

Handelsblatt: Die wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftsblogs

Bastian Brinkmann / Süddeutsche Zeitung: Viel los im Affenkäfig

Bildquelle: Shutterstock