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Ein Recht auf Vergessen ist unnötig

…wenn wir ohnehin alles aus dem Blick verlieren. Wir verschwinden im Feed, obwohl oder weil wir always on sind. Als wären wir auf Droge und konsumieren News ohne Ende. Doch die Tyrannei der absoluten Gegenwart kennt kein Pardon. Brauchen wir überhaupt noch ein Recht auf Vergessen, wie es das Google-Urteil des Europäischen Gerichtshofs suggeriert?

Schon nach kurzer Zeit verlieren unsere kleinen Anmerkungen auf Facebook oder Twitter an Bedeutung. In der flüchtiger gewordenen Aufmerksamkeitsökonomie nehmen wir immer nur die Spitze des Eisbergs wahr, die von der Crowd gespiegelt wird. Wer nicht kopiert, geretweetet, geshared oder rezitiert wird, verliert sich im Strom der Meinungen, trifft auf wenig Ressonanz und gerät ins sofortige Vergessen. Das aktuelle Urteil des Europäischen Gerichtshofs eröffnete in Europa das Hallali auf die letzten Gewissheiten. Onliner können ihre personenbezogenen Daten bei Google aus Suchergebnissen löschen lassen bzw. zumindest einen Löschantrag stellen.

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Arbeitsbeschaffung für Juristen

Rechtsanwälte werden sicherlich Google mit Löschanträgen überschütten und auf diese Weise das Reputation Management verändern. Wer Zeit und Geld hat, kann seine digitalen Interessen mit Macht durchsetzen. Allerdings stellt sich die Frage, ob das nicht angesichts der Volalität der Informationen ein Anachronismus ist. Für einzelne mag das neue rechtliche Instrument ein Segen sein, doch die meisten Onliner werden sich nicht darum kümmern.  Denn die einzelne Information verschwindet ohnehin immer schneller im auf Aktualität versessenen Datenstrom.

Wer viele digitale Freunde auf Facebook hat, Fan vieler Facebook-Auftritte ist, sieht nur noch einen Bruchteil der Nachrichten im Stream, weil der Newsfeed den einzelnen nicht überfordern soll. Das Viele wird auf das vermeintlich Relevante heruntergebrochen, was uns auf dem ersten Blick nicht gefällt, wenn es sich nur noch um Catcontent handelt. Dabei haben wir nur vergessen, was wir zuvor als relevant geliked haben und wem wir alles folgen. Wie oft schauen Sie sich alte Einträge Ihrer Kontakte an?

Keine Konsistenz im Information Management

Wir haben keine Kontrolle über unsere Kontakte, die nicht nur über ein Thema berichten, sondern oft genug ihre ganze Persönlichkeit zur Geltung kommen lassen, indem sich über Content-Marketing, Katzenfotos, Fußballspiele, Museumsbesuche, Kundentermine, Bahnreisen, Hochzeiten oder sonstige Events berichten. Sie spiegeln ihre Sozialiät, zeigen ihr Menschsein und verlieren dabei die Konsistenz als Informationsgeber.

Wir bekommen im Feed einen Spiegel ihrer Seele, ihre flüchtigen Interessen und Gefühle zu Gesicht und wundern uns darüber, dass unser digitaler Freund so unterschiedliche Facetten zeigt und uns spannende Inhalte neben langweiligen Catcontent präsentiert.

Unsere digitale Reputation ist flüchtig

Anhalten können wir die Gegenwart nicht, das konnten wir nie. Letztlich ist unser Leben und unser Tun eine Momentaufnahme, die wir vielleicht hin und wieder für Dritte festhalten, aber sehr schnell im Strom des Feeds aus den Augen verlieren. Dorian Gray hätte seine Freude daran, unser Scheitern zu erleben. Jedes Foto löst sich in der digitalen Säure der Zeit auf. Es ist da und doch schon wieder vergangen. Das lässt sich wunderbar bei Instagram beobachten. Nur das letzte Bild zählt im Feed.

Die Unmenge an digitalen Informationen lässt wenig Platz für das Alte. Das verschwindet schon nach Minuten aus unserem Sinn, bleibt nur selten haften, weil es längst von Neuem überdeckt worden ist. Die Zeit wird inzwischen von der absoluten Gegenwart überdeckt.

 

Unsere Neugierde auf News hat ihr Übriges getan, das Gestern aus der Echtzeitkommunikation zu verbannen. Wer “alte Dinge” twittert oder auf Facebook stellt, erntet nur ein Augenzucken. Die Bilder sind oft schon bekannt und beinahe vergessen und werden ignoriert, während der Strom sie mit nach unten zieht. Das Neue hält uns vom alten ab, welches ins Unsichtbare driftet. Wen interessiert schon, sein digitales Geschwätz von gestern, wenn es die aktuelle Ablenkung immer wieder von neuem gibt.

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Angesichts dieser Gemengelage wirkt ein Löschantrag wie ein Anachronismus, da wir uns erst durch einen solchen Antrag an den einen oder anderen Beitrag erinnern. Im Feed zählt nur noch das Jetzt. In den klassischen Suchmaschinenergebnissen sinken die umstrittenen Beiträge nach unten, wenn wir uns bemühen, unsere alten digitalen Manifestation vergessen zu machen.

Ein aktives Reputation Management ist hierbei vielversprechender als ein rechtliches Vorgehen. Darauf bin ich in den vergangenen Jahren ausführlicher in meinen Büchern „Karrierefalle Internet“ und „Transparent und glaubwürdig“ eingegangen. Wer sich um seine digitale Gegenwart kümmert und regelmäßig publiziert, nimmt in Echtzeit Einfluß auf die Aufmerksamkeit der Welt.

Bildquelle: Shutterstock

  • sabinehaas

    Ich kann da nicht zustimmen, obwohl ich auch noch keine abschließende Meinung zum Thema „Recht auf Vergessen“ habe. Natürlich beschreibt der Artikel sehr treffend das Nutzerverhalten. Aber beim „Recht auf Vergessen“ geht es doch um viel tiefgreifendere, allgemeinere Überlegungen: Was ist, wenn jemand eine politische Vergangenheit hat, von der er sich distanzieren möchte, die aber von Behörden jederzeit wieder „ausgegraben“ werden kann? Was ist mit Drogendelikten in der Jugend, die im Alter die Ausreise in die USA unmöglich machen? Schon früher war es für Menschen schwer, neu anzufangen und ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Aber es war möglich. Ist diese Möglichkeit nicht so etwas wie ein Grundrecht? Wie gesagt, eine abschließende Meinung habe ich nicht. Aber ins Grübeln gebracht hat mich dieser Vortrag auf der rp14:

    http://www.result.de/mein-highlight-bei-der-republica-14/

    • http://www.eck-consulting-group.de/ Klaus Eck

      @sabine Ich glaube einfach nicht, dass sich das „Recht auf Vergessen“ wirklich durchsetzen lässt. Angesichts der vielen Tweets und Facebook-Upgrades dürfte es schwer sein, dem jeweils mit einem Löschantrag (bezogen auf Suchmaschinen) nachzugehen.

      Inhalte, die auf Platz 30+ zu finden sind, werden ohnehin kaum wahrgenommen. Die Angebote zahlreicher Reputation Manager wie Guter Ruf haben sich in der Regel nicht durchgesetzt, weil es dafür keinen großen Markt gibt. Und wenn wir vergessen, warum sollte man jedem Issue nachjagen. Manche Beiträge werden vom einzelnen schmerzlich empfunden, finden aber gar keine Aufmerksamkeit/ Leserschaft.

      In vergangenen 8 Jahren habe ich zahlreiche Beispiele im Reputation Management auch auf Kundenseite kennengelernt, betreut und so manches Mal für Abhilfe gesorgt. Ein positives Agenda Setting ist wichtiger, als das jeweils löschen lassen, zumal dieser aktive Vorgang schnell das nächste dann akutelle Issue auslösen kann.

      Natürlich gibt es eher seltene Fälle, in der einzelne Verleumdungen und private Dinge „ausgegraben“ werden. Aber in unserer Echtzeitkommunikation spielt das eine eher zu vernachlässigende Größe.

      • erikfinnegan

        Noch einmal : es geht nicht um Informationen, die wir Menschen uns merken oder suchen können. Sondern um das Löschen von persönlichen Daten, welche die Würde des Menschen betreffen, die von Maschinen – privat oder behördlich beauftragt – jederzeit zu Profilen zusammengesetzt werden können.

  • robert

    sorry, aber sie haben nichts verstanden. es geht darum dass alle Infos gespeichert bleiben und ausgewertet werden können!!!!

  • Random Citizen

    Natürlich vergessen WIR (Menschen)… Es geht aber darum, dass MASCHINEN oder DAS INTERNET eben NICHT VERGISST.
    Dieser Thema verfehlende Artikel und die sich darin wiederspiegelnde „Unbekümmertheit“ des Autors kann also beliebig lange und beliebig oft aus Archiven gezogen werden und dann zum Profiling, Kredit- und Versicherungsrating, Socialengineering und hundert anderer Einschätzungen und Eingruppierungen verwendet werden.
    Solange Daten die Haltbarkeit von Brandzeichen haben und wir in die Algorythmen zum Profiling keinen Einblick haben bzw. nichts über die Gewichtung einzelner Kriterien wissen, sollte jeder bestrebt sein, so wenig Datenspuren wie möglich zu hinterlassen.
    Diese „Spur“ zu hinterlassen ist mir wichtig!

  • Pepi-Onkel

    Ein Fratzenzwitscher-Geschädigter, der die Welt nur noch aus dieser Sicht begreifen kann. Schreiben sollte nur, wer neben den Bäumen den ganzen Wald erkennt.

  • Claus Pfleger

    Vllt. koennte Ihr Artikel ja noch irgendwie mit Bauchschmerzen auf mit Mitteilungs-Diarrhoe geplagte Social Media Anwender zutreffen, wo es der Benutzer es mit seinen selbst getaetigten Posts auch selbst in der Hand hat (was ggfs. aber wieder einer bedenklichen Selbstzensur entsprechen kann) einen potentiellen Informations-GAU in der Zukunft zu verhindern, so fehlt diese Moeglichkeit schlicht in anlassbezogen Faellen wie diesem. BigData ist nicht Web 2.0, verarbeitet ua. selbiges – aber mit unbekanntem Gedaechtnis- und Ergebnishorizont.

    So gesehen erweckt Ihr Artikel zum Anlassfall in mir leider den Eindruck einer Themenverfehlung und da hier fuer Loeschantraege kein Entgelt zusteht ist auch keine Einnahmequelle fuer Juristen zu vermuten.
    Diese Gruppe freuen sich eher auf/ueber Abmahnwahnsinn (Formalvorschriften wie Impressum oder aber Urheberrechts(nicht)ansprueche) im mehr oder weniger kleinem oder aber TTIP, TISA und Bruessel-/Regierungs-Lobbying im grossen geopolitisch-globalwirtschaftlichen Umfeld.

  • christian

    es ist keine frage dass sie hier etwas nicht verstanden haben, oder verstehen wollten. besonders peinlich dagegen finde ich den hinweis auf die Goldgrube die sich für anwälte ihrer Meinung nach auftut und gleichzeitig diesen Artikel als werbung für ihre bücher, verlinkt mit Amazon, zu benutzten. ob jedoch dieser Artikel bei vernunftbeganten menschen tatsächlich eine Werbung für sie darstellt wage ich zu bezweifeln.

  • U. R. Gay

    Manchmal ändern sich die Ansichten, die eigenen Ziele oder die Gesellschaft in der man sich bewegt und man möchte vielleicht nicht mehr mit seinen Jugendsünden in Verbindung gebracht werden. Oder eine Gesellschaft ändert ihr Gesicht und es ist auf einmal und es ist auf einmal nicht mehr OK z.B. Schwul zu sein oder auch nur Menschen zu kennen, die es sind.
    Und dann gibt es ja auch noch die Menschen, die nicht in ihrem eigenen digitalen Grundrauschen verstecken können und das auch nich ändern wollen.

  • http://www.eck-consulting-group.de/ Klaus Eck

    Ein Welt-Artikel bringt es auf den Punkt: Wir brauchen bei Google kein Recht auf Vergessen, sondern eine Kultur der Vergebung. http://buff.ly/1j28YCW

  • Thomas

    Haben Sie schon mal von Big Data und Internet of things gehört.
    Mit dem Zugang zu solchen Daten und den Filter- und Auswertungs- Möglichkeiten einer NSA wissen Sie vermutlich mehr über einen Menschen als sein Ehepartner je erfahren wird. Wir sind erst am Beginn dieser Entwicklung. In den nächsten Jahren kommen solche Szenarien wie in Minority Report auf uns zu damit wird 1984 von Georg Orwell in den Schatten gestellt. Oder wir setzen hier rechtliche und technische Grenzen. Ich denke Sie unterschätzen das Thema massiv. Das ist das Ende von Privacy wie wir sie die letzten 70 – 80 Jahre gekannt haben. Die bessere Frage ist: Wie gehen wir als Gesellschaft und als Individuum in dieser Gesellschaft damit um.

  • André Adler

    Sehr differenzierter, sachlich geschriebener Artikel! Schön, dass man im „Einheitsmeinungs-Deutschland“ so was noch lesen darf!

  • Martin Mainka

    Danke für diese Anregung Herr Eck. Obwohl ich nicht vollständig Ihrer Meinung bin, kann ich Ihre Sichtweise sehr gut nachollziehen. Was hier in den Kommentaren für Formulierungen zu lesen sind, erschrecken mich allerdings.

    Ich halte es für sehr naiv zu glauben, dass ein Löschantrag verhindert, dass diese Informationen, die ich zu verbergen versuche, irgendwo noch auftauchen. Nur weil sie durch Google nicht mehr zu finden sind, sind sie noch lange nicht aus dem Netz verschwunden. Nur eben nicht so leicht zugänglich. Es gibt immerhin noch andere Suchmaschinen, die ähnlich funktionieren wie Google, teilweise noch bessere Ergebnisse liefern, nur eben nicht so beliebt/gehasst sind.

    Und das Löschen verhindert schon gar nicht, dass diese Informationen ausgewertet werden, wenn sie es nicht schon längst sind.

    Diese neue Möglichkeit einen Löschantrag zu stellen ist für mich nichts weiter als Kosmetik. Dadurch wirkt das Gesicht zwar ¨schöner¨, aber die tiefen Furchen sind immer noch da.

    Nur durch die ¨richtige¨ Ernährung, also mit welchen Informationen ich das Internet füttere, kann vorbeugend gegen diese ¨Makel¨ wirken. Rückwirkend sind nur operative Eingriffe möglich, d.h. ich muss zusehen, dass die Informationen von den Servern verschwinden, auf denen sie gespeichert sind und nicht bloß bei Google. Aber es bleiben eben immer noch Narben zurück.

    Beste Grüße

  • Storewars News

    Nice
    read! Very informative. Did you know that Spar UK targets 10% growth in own
    label sales participation. Full story here: http://bit.ly/1nJboyY.

  • gisa

    Da google.com von der Antragswelle wohl ausgenommen ist, außer sie löschen dort freiwillig, ist dieses „Recht auf Vergessen“ wohl weniger eine reale Perspektive. Reputationsmanagement kann dadurch nicht nachhaltig betrieben werden. Wichtiger ist jetzt doch die Diskussion darum, welches Recht der Entscheidung um Löschanträge Google & Co zugesprochen wird. Soweit ich gehört habe, ist Google selbst nicht mal auf die Entscheider-Rolle scharf. Jetzt kommt De Maziere mit dem Vorschlag eines „Streitschlichtungsgremiums“ um die Ecke. Nachzulesen hier:http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/recht-auf-vergessen-innenminister-will-schlichtungsinstanz-bei-streit-mit-google-und-co/10084828.html

    Ich lese da raus, dass sich die Politik nur die Rosinen aus dem Kuchen picken will und vielleicht selbst schon erkannt hat, dass der Rest der Anträge eh viel zu irrelevant ist, um bearbeitet zu werden. Und überhaupt: wer wirklich sucht, wird weiterhin finden. Oder?