Amerikanische Journalisten rebellieren gegen Web 2.0

52 Sekunden Lesedauer

Zahlreiche amerikanische Journalisten ärgern sich über die Ausbeutung der Web 2.0 Bewegung. So sollen Journalisten heutzutage neben ihren klassischen Aufgaben zusätzlich ein Blog schreiben, bzw. ein Podcast aufnehmen und am Besten noch in Echtzeit auf die Kommentare der Leserschaft reagieren. Fazit: Die neuen Aufgaben bringen viel Stress und lassen damit Unmut in den Redaktionsräumen der großen Zeitungen entstehen.

Redakteure der Washington Post beschwerten sich jetzt öffentlich darüber, dass die Extrazeit, die sie zum Schreiben von Blogartikeln für die Zeitung aufwenden, von ihrem Arbeitgeber nicht bezahlt wird. Während aber Blogger, die unter ihrem eigenen Namen Blogartikel schreiben, dafür bezahlt werden.

Ein New York Times Journalist fasste die Bewegung des so genannten Journalismus 3.0  in einem Interview mit der Zeitschrift  Vanity Fair  wie folgt zusammen: "Das Internet fordert, dass man mehr für umsonst macht."

Der wachsende Zeit- und Aufgabenumfang – ohne angemessene Entlohnung – ist meiner Meinung nach ein Garant dafür, dass Journalisten immer gefrusteter ihren Job nachgehen. Immer mehr amerikanische Journalistenvereinigungen sprechen sich deshalb gegen das Halten von kostenlosen Interviews ihrer Kollegen aus und fordern, dass Interviews in Video- und Podcasts in Zukunft nur gegen Bezahlung produziert werden sollen. So kostet das Halten eines Interviews eine Menge Zeit und Zeit ist in der schreibenden Zunft die Ressource, die wirklich Geld kostet. Das ist allerdings bei einigen Bloggern auch nicht anders…

Verena Schmunk

>> Editorsweblog.org: US: More Journalists revolting against new media tasks

12 Replies to “Amerikanische Journalisten rebellieren gegen Web 2.0”

  1. Falls nicht eine Übersetzungsungenauigkeit vorliegt, kann ich über Aussagen wie diese: „Das Internet fordert, dass man mehr für umsonst macht.“, nur den Kopf schütteln. Das Internet fordert gar nichts. Der Arbeitgeber fordert das (möglicherweise) von seinen Lohnschreiberlingen.
    Eh klar, Schuld ist immer das pöse Internet. Nieder mit Web 2.0.
    Und da heißt es immer, PR-Leute seien Schlafmützen.

  2. Im Orginal heißt es: „A „hollow-eyed“ New York Times staffer is quoted in a Vanity Fair article by Michael Wolff complaining that the Internet has caused „everyone to do more and more for no more money.“

  3. Wenn ich den Begriff Web 2.0 lese wird mir immer gleich schlecht. Wo kriegt man das eigentlich her, wo kann man das installieren. Beim mir läuft immer noch Version 1.0

  4. @Jens: Da hilft Klo 1.0 *SCNR*
    Ja, Klaus, da hast Du meines Erachtens (mal wieder) einen Nerv getroffen. Ich war gerade dieser Tage in einem Zeitungsverlag, es ging in illustrer Runde um zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten. Auch da ging es wie selbstverständlich auch um Redakteure, die „nebenbei“ Blogs pflegen, Leser-Input durchfilzen, freischalten und die Perlen picken sollen. Web 2.0 bedeutet nicht Honorar 2.0 – ich beobachte das sogar schon bei Acquise-Gesprächen im PR-Bereich, wo man zur Pauschale „mal eben noch“ ein Blog des Kunden betreuen soll.
    Gruß Guido

  5. Bitte nicht Äpfel mit Birnen verwechseln. Web 2.0 ist ein Postulat, das dazu auffordert, die technischen Möglichkeiten des Internets kommunkationsstrategisch umzusetzen. Da muss niemandem schlecht werden. Schon gar nicht, wenn er sie selbst bereits nutzt. Dass solche Begriffe inflationär genutzt werden, bleibt nicht aus, dass sie missbraucht werden, auch nicht.
    Es ist auch nicht verwunderlich, dass im Zuge der Umsetzung von Web-2.0-Strategien sich neue Fragen stellen, auch soziale. Den Hinweis der amerikanischen Journalisten muss man meines Erachtens genau so verstehen und keineswegs als ein Infragestellen der Web-2.0-Kommunikationskanäle. Oder glaubt jemand, Weblogs liessen sich per Redaktions- oder Gewerkschaftsbeschluß wieder abschaffen?

  6. Blogs sind doch eine sehr nützliche Erfindung. Sie bringen uns der hehren Idee des World Wide Web näher, dass jeder publizieren und jeder sich informieren kann. So lang man „kann“, ist ja nichts Böses dabei. Aber wenn man „muss“…
    Es gibt einen Berufsstand, der von einer verblüffend ähnlichen Entwicklung betroffen ist wie die Journalisten: Dozenten, die bisher einigermaßen abgrenzbare Präsenzkurse zum Stundensatz gehalten haben, mutieren schleichend zu Trainern auf E-Learning-Plattformen mit Foren, Blogs, Wikis, Onlinesprechstunden, Podcasts und Chat.
    Da muss man sich auch auf die Hinterfüße und die konventionellen Honorare in Frage stellen.
    Am Besten man ist organisiert und stellt sich auf viele Hinterfüße gleichzeitig.

  7. Was da einige amerikanische Journalisten sagen, ist Bullshit. Wo bitte steht geschrieben, das ein Journalist nur schreiben darf? Es ght um die Verbreitung und Aufbereitung von Informationen. Da ändert sich eben die Technik beizeiten. Früher mag man vollgeschrieben Blätter abgeliefert haben. Dann kam der Ganzseitenumbruch, der sicherlich auch zur Qualitätssteiergung beitrug (leider aber auch zum Personalabbau, ich weiß das). Ich denke, der Beruf des Journalisten ändert sich eben, da dürfen die lieben Kollegen ruhig mal flexibler sein. Mir ist gleichwohl auch bewusst, dass es Grenzen gibt der Belastbarkeit, aber die sehe ich noch längst nicht bei allen erreicht.

  8. Mir scheint, dass jetzt auch die Journalisten im realen Leben angekommen sind. Bisher hat sie eine Schranke geschützt: Auswahl durch die Redaktion eines (oft) gedruckten Mediums.
    Wer selbst druckt (Flyer) oder online schreibt und verteilt (Newsletter), ist zwar frei von Qualitätskontrolle, hat aber auch meist nicht die Reichweite.
    Web 2.0 (Tagging, Folksonomy, auch die gute alte Suchmaschinenoptimierung) unterlaufen das und sorgen für mehr Reichweite für die einzelne Stimme.
    Photographen, Designer, Texter und Webentwickler leben schon länger in dieser Welt: Jeder kann schon lange Bilder aufnehmen oder mit einfacher Software erstellen, in der Textverarbeitung ein Layout zusammenklopfen, in Frontpage eine Website basteln: Computer und Software machen es möglich. Und schreiben önnen wir ja auch alle, oder?
    Mit Blogs, die auch der technisch Unbedarfte so schnell anlegen kann, wie er sich einen Mailaccount irgendwo anlegt, wurde die freie Meinungsäußerung demokratisiert, aber auch vulgarisiert. Die äußere Form des Blog wirkt abspruchsvoll (dahinter werkelt ein kleines CMS), der Inhalt wird automatisch aufgewertet. Auch wenn manche Blogs nur das enthalten, was man sonst entnervt ins persönliche Tagebuch schmiert, wenn es mal wieder nicht so gut gelaufen ist.
    Aber keine Sorge: Web 2.0 spielt auch den Journalisten langfristig in die Hände: Lausiger Content hält sich nicht lange, Qualität setzt sich durch. Und sie haben ja auch noch die neue Macht auf ihrer Seite: Google beurteilt Referenz-Seiten wie die Online-Ausgaben der großen Zeitungen/Zeitschriften besonders gut. Ein Journalist in einem solchen Umfeld hat bessere Karten als ein Blogger, der seine Meinung zum selben Thema äußert. Wenn nicht die Schwarmintelligenz der anderen Blogger aus gegebenem Anlass einen simplen Mitblogger in den SERPs nach oben schiebt (siehe Jamba). Aber auch darüber geht irgendwann die Zeit hinweg.

  9. So ein Schwachsinn, als wenn Web 2.0 dafür verantwortlich wäre, dass die Schreiberzunft nun mehr unbezahlte Arbeit bekommt. Wenn der Arbeitgeber das Schreiben eines Blogs verlangt, ohne sie dafür zu entlohnen, dann müssen sie – wenn überhaupt – gegen ihre Arbeitgeber rebellieren. Findige Journalisten wissen dagegen Web 2.0 für sich zu nutzen. Aber mei, so ist das halt immer, wenn es Veränderungen gibt. Gegen das Faxgerät haben sich die Leute auch lange gesträubt, dann gegen das Internet, jetzt gegen Web 2.0 … bloß keine Änderungen. Nur dass wir so noch in Höhlen sitzen und mit Keulen unser Essen jagen würden. Diejenigen, die sich heute gegen Web 2.0, Poscasts, Blogs, Feeds, Tagging, Buzz & Co. sträuben, werden morgen den Anschluss verpasst haben und hinterherlaufen.
    Meiner Meinung ist die Zeit vorbei, wo man morgens um 8 und nachmittags um 5 die Karte locht und sich bis zum nächsten Tag um nix mehr kümmern braucht. Heute verlangen die Arbeitgeber etwas mehr Einsatz … über die normale Arbeitszeit hinaus. Wer sich heute nicht so weit mit der Firma identifiziert, dass er auch Teile seiner Freizeit opfert und von sich aus – aus Interesse, nicht weil er es muss – informiert und wie bei obigem Beispiel mit der Pflege eines Blogs Engagement zeigt, wird ein Problem bekommen. Dies ist dann, wenn man es aus Interesse macht keine zusätzliche Arbeit, sondern ein Teil der Freizeitgestaltung. Das wird dann auch nicht zusätzlich entlohnt, wirkt sich aber i.d.R. immer auf den zukünftigen Werdegang aus.
    Naja, anderseits wird es natürlich immer diejenigen geben, die dies trotzdem alles ignorieren, ihren Job am Fließband erledigen und keine weiteren berufliche Ziele haben, was ja auch nicht unbedingt verwerflich ist. Nur dürfen die sich dann auch nicht beschweren. Soll heißen, es gibt sicherlich genug (angehende) Journalisten, die die nötige Power haben und gerne den Job der o.g. Rebellierer übernehmen.

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