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Interview: Christoph Harrach zur Gesellschaftsverantwortung der Unternehmen (CSR)

Am 9./10. Juni 2011 findet die 5. Karmakonsum-Konferenz statt. Sie wird von Christoph Harrach veranstaltet. Der Gründer von Karmakonsum ist für viele ein Vorbild für einen nachhaltigeren und glücklicheren Lebensstil. Unter anderem vergibt der Öko-Lifestyle Marketingberater den Gründer-Award für ökologisch-nachhaltige Startups. Der Award wird im Rahmen der Karmakonsum Konferenz in Frankfurt verliehen. Dies habe ich mir zum Anlass genommen Herrn Harrach ein paar Fragen über CSR zu stellen.

Christoph-Harrach


Herr Harrach, was bedeutet für Sie CSR?

Corporate Social Responsibility (CSR) bedeutet, dass Unternehmen so wirtschaften, dass sie in sozialen, ökonomischen und kulturellen Bereichen den nachkommenden Generationen eine Zukunft ermöglichen.

Corporate Responsibility wird in verschiedene Bereiche eingeteilt, z. B. Corporate Governance oder auch Corporate Citizenship. Kann man nicht Corporate Citizenship, das verantwortungsvolle Handeln als Bürger, als Teil von CSR auffassen?

Eines meiner größten Vorbilder ist Gandhi und der predigt die Selbstverantwortung des Einzelnen. Jeder Bürger ist für sich selbst verantwortlich. Doch je höher jemand im Unternehmen hierarchisch angesiedelt ist, desto mehr Verantwortung trägt er. Wir alle wissen um Kollateralschäden auf der Welt, z. B. Fukushima, aber die Frage ist, wie wir einen Richtungswechsel zu einer besseren Wirtschaft schaffen.

Verfolgen Sie mit Ihrem Blog das Ziel, die Menschen zu verantwortungsvollem Handeln aufzurufen?

Nein, ich versuche eher als leuchtendes Beispiel voran zu gehen. So wie Abraham Lincoln sagte: “When I do good, I feel good. When I do bad, I feel bad. This is my religion.” Das heißt dieser veränderte Lebensstil macht glücklicher und wenn die Menschen das sehen, wollen sie sich vielleicht auch ändern. Den erhobenen Zeigefinger zu zeigen, halte ich für nicht so wirksam. Zwar muss es solche Organisationen wie Greenpeace geben, die so etwas machen, und ich bewundere diese Menschen dafür. Ich versuche aber eine inspirierende Kraft zu sein und als gutes Beispiel Vorbild zu sein, also positiv fördernde, wachsende Energie zu verbreiten.

Wir wissen, dass viele Bereiche des Lebens nicht zukunfsfähig sind. Das sieht man an der Zunahme psychosomatischer Krankheiten in unserer Gesellschaft sowie der weltweiten Finanzkrise. Die Menschen merken, dass es so nicht weiter gehen kann und fragen sich: Wie kann ich anders leben? Dadurch, dass ich ihnen einen Ausweg zeige, wie es gehen kann, schenke ich den Menschen Hoffnung, “New spirit”, motiviere sie zu einer neuen Art zu leben und wirtschaften - und zu neuen Ideen.

LOHAS sind Menschen, die einen Lifestyle Of Health And Sustainability führen. Wodurch unterscheiden sich LOHAS-Anhänger von Ökos? Kaufen nicht beide Bio-Produkte?

Ja, schon. Es wurde in der Vergangenheit viel versucht eine Abgrenzung zu finden. Es gibt bei LOHAS wieder viele verschiedene Formen und Ausprägungen. Für mich sind die LOHAS die 2. Generation der Umweltbewegung. Diesmal repräsentiert sie den Mainstream und tritt daher weniger radikal  und politisch auf wie noch die 1. Generation der Umweltbewegung. Früher war das aber auch nötig, als das Thema noch nicht so aktuell war. Außerdem gab es damals nur Flugblätter und Plakate zur Verbreitung von Meinungen und Kampagnen. Die 2. Generation stößt auf viel mehr Akzeptanz in der Gesellschaft, die heute viel politikverdrossener ist als damals. Heute haben wir Facebook und Twitter und können damit internationaler und dezentral agieren. Der Gründer von ALNATURA beispielsweise, Prof. Dr. Götz E. Rehn, wurde früher verspottet für seine Ideen. Heutzutage wird er als Keynote Speaker zu Konferenzen eingeladen. Das ist ein Umdenken in der Gesellschaft.

Glauben Sie, dass Konsumentscheidungen allein den Weg zum verantwortungsvollen Handeln ebnen können? Ist nicht ein achtsames Verhalten untereinander, auch den Mitarbeitern gegenüber, genauso wichtig?

Karmakonsum wurde schon 2007 gegründet. Damals war das Thema ethischer, moralischer Konsum. Zu diesem Thema wurden inzwischen viele Bücher publiziert. Aber das entwickelt sich natürlich weiter. Mittlerweile glaube ich, dass der Konsum für viele der erste Versuch sein kann, etwas zu verändern. Schließlich kann man seinen Konsum leicht umstellen. Und für viele Menschen öffnet sich dadurch eine Tür zu einem nachhaltigeren Lebensstil. Mit der Kaufentscheidung fängt der Prozess also erst an.

Sie haben geschrieben je mehr man sich mit dem Thema auseinandersetzt, desto mehr wird man hineingesogen. Wann haben Sie das erste Mal für sich bemerkt, dass Sie sich verändern? Oder war das eher ein schleichender Prozess?

Ich habe früher bei Neckermann gearbeitet und in Fernost Elektroartikel vermarktet, die ethisch nicht korrekt hergestellt wurden. Dann dachte ich mir, dass es nicht mehr ausreicht, privat nachhaltig zu sein und ich mich deswegen auch beruflich verändern muss. Das war 2004, als ich zu einer Firma wechselte, die ethisch korrekt produzierte Kleidung herstellt, und dort habe ich viele Menschen getroffen, die sich mit dem Thema schon mehr auseinandergesetzt hatten. So habe ich mich dann weiter damit beschäftigt.

Sie sind auch Yogalehrer. Sind Sie durch diese Veränderungen zum Yoga gekommen oder haben Sie zuerst Yoga gemacht?

Es war so, dass ich durch das Yoga mit diesen Themen in Berührung gekommen bin und mir durch die Yogalehrerausbildung, die auch spirituelle Lehrinhalte hat, dann auch die Sinnfragen bei Neckermann gestellt habe.

Social Media wird allgemein immer wichtiger: Was glauben Sie inwiefern diese Entwicklung CSR Verantwortlichen helfen kann – abgesehen von der bereits genannten Dezentralisierung?

Die Wertschöpfungsketten werden immer transparenter. Und NGOs werden immer schlagkräftiger. Außerdem gibt es eine stärkere Konfrontation der Unternehmen mit der Konsumentenmacht. Das liegt daran, dass dort, wo schlechte Bedingungen in Produktionsstätten herrschen, zum Beispiel Einsatz von Kinderarbeit in Asien, Informationen in’s Netz gestellt werden können und diese sich schnell weiterverbreiten. Mund-zu-Mund Propaganda, die früher eher langsam war, wird im Internet sehr stark beschleunigt. Das können gerade Startups, die kaum Marketingbudget haben, für ihr Storytelling nutzen, um günstig Aufmerksamkeit zu erlangen.
Umgekehrt können Unternehmen aber mehr Informationen aus dem Internet beziehen, um zu erfahren was ihren Stakeholdern wichtig ist und dementsprechend handeln. Ich denke, dass es wichtig ist zuerst im Unternehmen die Wertschöpfungskette anzupassen und dann hat man von allein die Geschichten, die man im Internet erzählen kann.

Ist die Durchsetzung einer CSR-Strategie möglich ohne alle Mitarbeiter des Unternehmens mit einzubeziehen?

In Unternehmen hat man immer eine Ansammlung unterschiedlichster Menschen. Manche sind leichter zu aktivieren als andere. Auf erstere würde ich mich erst einmal konzentrieren, damit diese wiederum zu Vorbildern für die anderen Mitarbeiter werden können. Danone ist ein schönes Beispiel. Danone hat mit Grameen soziale Joghurtfabriken in Bangladesh aufgebaut und einige Mitarbeiter für dieses Projekt eingesetzt*. Nachher wollten viel mehr Mitarbeiter für das Projekt arbeiten als gebraucht wurden. Das Projekt wurde zum Selbstläufer. Wenn man Sinnhaftigkeit stiftet und die Attraktivität stimmt, entsteht ein Sog und der Rest läuft von alleine.

Wer trifft sich alles auf der Karmakonsum Konferenz?

Der 1. Tag der Konferenz ist eine Fachtagung, zu der Geschäftsführer, Marketer und andere Fachleute aus der Ökobranche, aber auch aus anderen Branchen, zusammenkommen. Am 2. Tag gibt es ein GreenCamp, wie ein Bar-Camp, mit Open Space für Vorträge. Das GreenCamp wird teilweise durch den 1. Tag subventioniert. Hierzu kommen viele jüngere Leute, Aktivisten, Studenten, aber auch Startups. Es sind viele hochmotivierte Leute, die sich dort treffen. Das Social Networking ist hierbei besonders wichtig.

Welche Themen werden auf der Karmakonsum Konferenz besprochen?

Auf der Fachkonferenz gibt es vier große Themenblöcke: Marketing und Konsum, Weisheit und Spiritualität, Wirtschaft und Finanzen und Lebensstile. Wir arbeiten mit der Frankfurter Stadtentwicklung zusammen, denn Frankfurt soll zu einer nachhaltigen Stadt werden, und machen während der Konferenz zwei Projekte dazu: Einmal einen YogaMob, Frankfurts größte öffentliche Yogastunde mit Kerstin Linnartz, einer bekannten TV-Moderatorin aus Berlin, auf dem Frankfurter Börsenplatz und am Ende eine Abschlussfahrt auf dem Fahrrad mit allen Konferenzteilnehmern als Stadtführung. Damit wollen wir noch einmal auf die Yogabewegung in der Gesellschaft aufmerksam machen und in Zukunft mehr Fahrradfahrer auf die Straße holen.

Außerdem werden auf der Konferenz sehr zukunftsweisende Themen besprochen. Nachhaltigkeit soll nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und kulturell stattfinden. Während andere noch überlegen wie sie möglichst energiesparend mobil bleiben können, z.B. mit Elektroautos, überlegen wir eher was “beyond the green” passieren kann: Ein Umdenken in der Mobilitätskultur, z.B. durch Carsharing oder Verzicht auf bestimmte Artikel. Oder Ideen werden für einen “new spirit” entwickelt, was z.B. mehr weibliche Energie in der Wirtschaft bewegen könnte. Damit soll unsere Konferenz neue Perspektiven eröffnen.

Vielen Dank Christoph Harrach für dieses informative Gespräch.

*Anmerkung:
Es wurde ein
Joint Venture zwischen Danone und der Grameen Bank ins Leben gerufen, deren Gründer Muhammad Yunus den Friedennobelpreis gewonnen hat. Die Fabrik in Bogra, 200km nördlich der Hauptstadt Dhaka, ist 100 mal kleiner als normale Danone Werke. Das Joint Venture schüttet keine Gewinnanteile an seine Aktionäre aus, sondern subventioniert stattdessen Milchlieferanten aus der ländlichen Umgebung, indem es ihnen mehr für ihre Milch bezahlt als der dort übliche Verkaufspreis. Außerdem enthalten die Joghurts 30% der empfohlenen Tagesdosis an lebenswichtigen Vitaminen und Mineralien, um die dort herrschende Unterernährung der Kinder zu bekämpfen. Das besondere ist ein Netzwerk von Frauen, die durch die Dörfer laufen und den Joghurt verkaufen. Auch diese Frauen hätten ohne die Joghurtfabrik kein Einkommen. Danone hilft so den Menschen in Bangladesh und sammelt gleichzeitig Erfahrungen wie man sich auf einem asiatischen Markt am besten positioniert. Auch das Risiko ist bei einem Werk dieser Größe geringer. Sobald sich das Unternehmen genügend vorbereitet fühlt, will es seine Joghurts auch in Indien auf den Markt bringen.

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