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Reputationstipps für ein Staatsoberhaupt

Transparent und glaubwürdig wirkt die politische Kommunikation unseres Bundespräsidenten Christian Wulff nun wirklich nicht mehr. Ein umstrittenes Privat-Darlehen, einige Urlaube bei schwerreichen Freunden sowie die Drohung gegenüber mehreren Journalisten beschädigen täglich mehr die Reputation von Wulff, der inzwischen um sein Amt fürchten muss, zumal die Zahl seiner Unterstützer stetig zurückzugehen scheint. Oder wer hat zuletzt noch Verständnis für unser Staatsoberhaupt gezeigt?

Angesichts der immer neuen Veröffentlichungen bin ich mir fast schon sicher, dass die Ära Wulff bald vorbei ist und er aus dem Schloss Bellevue vertrieben wird, nicht aufgrund seiner Verfehlungen, sondern weil er den Umgang mit der Affäre nicht beherrscht. Heute hat die SPD Wullfs Schonfrist für beendet erklärt. Ab Mai 2012 kann die Opposition mit veränderten Mehrheitsverhältnissen im Bundesrat und damit auch bei der Bundespräsidentenwahl rechnen, hat also zurzeit noch kein allzu großes Interesse an einem Wulff-Rücktritt. Darüber freuen könnte und will ich mich gar nicht, zumal seine inhaltliche Positionierung mir persönlich in mancher Hinsicht durchaus gefallen hat. Aber inzwischen hat Wulff mit seinen politischen Äußerungen einen Rubikon überschritten. Ob daraus Konsequenzen gezogen werden, ist letztlich nur noch vom Wohlwollen der Bundesregierung und somit auch der Bundeskanzlerin abhängig.

Warum ich das glaube? Darüber möchte ich im folgenden bloggen. Statt sich direkt an die Öffentlichkeit zu wenden, beließ es der Bundespräsident nur bei Verlautbarungen. Einen wirklichen politischen Dialog über seine privaten Verfehlungen hat er bisher nicht zugelassen. Typisch dafür ist sein Versuch, die Meinungsfreiheit der Presse in seinem Sinne mit einem persönlichen Telefonat zu unterbinden. Wulff hat der „Bild“-Zeitung mit Konsequenzen gedroht und das sogar auf dem Anrufbeantworter des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann hinterlassen. Doch das es ihm am politischen Gespür fehlt, zeigten auch weitere Versuche, auf den Springer-Verlag Einfluß zu nehmen.

„Über Vier-Augen-Gespräche und Telefonate gibt der Bundespräsident grundsätzlich keine Auskunft“, teilte das Bundespräsidialamt lediglich mit, heißt es im Spiegel. Demnach sei die Presse- und Rundfunkfreiheit für Wulff ein hohes Gut. Doch am liebsten würde er jede weitere Kommunikation zum Thema Einflußnahme und persönliche Kredite einstellen. Schließlich habe er zu den Krediten für sein Eigenheim und zu Urlaubsaufenthalten längst Transparenz hergestellt, sich erklärt und zahlreiche Medienanfragen beantwortet. Dennoch entstand nicht der Eindruck, dass er nichts als die Wahrheit präsentieren würde. Scheibchenweise gibt es immer neue Informationen für die Presse. Anscheinend war sein Anruf bei der „Bild“-Zeitung kein Einzelfall. So hat die „Welt am Sonntag“ Mitte 2011 „bei einer Recherche ganz ähnliche Erfahrungen wie nun die ‚Bild‘-Zeitung gemacht“ (Spiegel).

Selbst Boris Becker fühlt sich bemüßigt, dem Bundespräsidenten via Twitter einen Ratschlag zu erteilen:

Im Jahr 2000 hat Wulff sich recht eindeutig zu der Düsseldorfer Flugaffäre um den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau geäußert. Rau sollte als Landespolitiker in NRW auf Kosten der WestLB Privat- und Dienstflüge unternommen. Dieser bestritt zunächst jede Verfehlung, gab später aber zu, bei den Flügen dienstliche Termine „mit Terminen parteipolitischen Charakters“ verknüpft zu haben. Damals ging es auch darum, ob Rau die Unwahrheit gesagt hatte. In einem Zeitungsinterview sagte Wulff wörtlich: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Es handelt sich in NRW offensichtlich um eine Verfilzung mit schwarzen Reisekassen jenseits der parlamentarischen Kontrolle. Dies stellt eine Belastung des Amtes und für Johannes Rau dar.“ Gegenüber dem „Focus“ meinte Wulff: „Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben.“ Diese Worte kann man leicht gegen den heutigen Amtsinhaber drehen. So lang verlieren immer mehr Bundesbürger den Respekt vor ihrem Staatsoberhaupt, das zeigen auch die zunehmenden Satire-Angebote und Tweets im Netz (siehe der Wulff-Facebook-Fake). Twittermeldungen zu Wulff-Filme:

Doch was bleibt ihm jetzt noch zu tun, wenn er nicht zurücktreten will und dieses auch nicht muss?

Reputationstipps für ein Staatsoberhaupt

  1. Ihre Freundschaften sind mittlerweile  von öffentlichen Interesse. Aufklärung ist daher angesagt, wenn auch nur der Verdacht einer Vorteilsnahme entsteht. Dieser verträgt sich nicht mit der Würde des hohen Staatsamtes.
  2. Es verträgt sich hingegen durchaus mit der Würde eines hohen Staatsamtes, nicht den Juristen, Beratern und dem Bundespräsidialamt das Wort zu überlassen, sondern selbst der Kraft der eigenen Stimme zu vertrauen. Lieber Herr Bundespräsident, nehmen Sie die Kritik an Ihrer Person in jeder Hinsicht ernst und erklären Sie sich, indem Sie nicht nur Verlautbarungen von sich geben.
  3. Verzichten Sie lieber auf intime Hintergrundgespräche, Privatgespräche und Anrufbeantwortermeldungen.
  4. Benennen Sie alle ohnehin bekannten Kritikpunkte und sagen Sie Besser die Wahrheit.
  5. Kommunizieren Sie viel mehr als bislang! Wer schweigt, bekommt dadurch nicht unbedingt Recht. Die mediale Aufmerksamkeit haben Sie jetzt (noch). Geheimnisse gibt es von Tag zu Tag weniger. Alles wird in unserer Transparenzgesellschaft rauskommen. Rechnen Sie damit.
  6. Laufen Sie nicht der Wahrheit hinterher! Wer frühzeitig seine Schwachpunkte einzuschätzen weiß, diese bescheiden benennt, kann auch Sympathien wieder zurückgewinnen.
  7. Wer Privates für eine positive Homestory (Hochzeit/Familie) preisgibt, darf sich nicht wundern, wenn die Presse auch die negativen familiären Seiten betrachtet und politische Freundschaften und Privatkredite hinterfragt.
  8. Wer eine Facebook-Page nutzt, sollte diese auch aktiv moderieren (lassen). Darüber haben Sie die Chancen, für Verständnis zu werben und den Abstand zum normalen Bürger abzubauen. Ansonsten ernten Sie nur einen Shitstorm auf ihren Kommentarfeldern.
  9. Mehr Bürgerdialog erforderlich: Eine Website ist eine gute Informationsplattform, die sich im Stile des Open  Government wunderbar für den Austausch mit den Bürgern nutzen ließe. Warum gehen Sie dort kaum auf die aktuelle Kritik ein? Es gibt nur wenige Reaktionen, die nicht besonders persönlich wirken und eher Distanz entstehen lassen: „Ich verstehe das Interesse der Öffentlichkeit und der Medien. Um Transparenz herzustellen, habe ich vor sämtlichen Berichterstattungen den anfragenden Journalisten den Kreditvertrag und die private Kreditgeberin offengelegt. Auch im Interesse der Trennung von Amt und Person werde ich die Vertragsunterlagen und weitere Papiere bei einem Anwaltsbüro hinterlegen, damit interessierte Medien sie einsehen können.“
  10. Gehen Sie einfach wesentlich offener mit Ihren Problemen (Privatkredit, Freundschaften, Journalistenangriffe) um. Diese sind der Öffentlichkeit längst bekannt. Verstecken können Sie sich nicht in Ihrem Schloss Bellevue.
  11. Vertrauen Sie eher der Öffentlichkeit als kleinen (Gesprächs-)Zirkeln, in denen man sich verschworen gibt und glaubt dazuzugehören. Allzu schnell wenden sich diese Kreise wieder gegen einen.

>> Cicero: Der Klempner im Schloss Bellevue
>> Spiegel: Anrufe bei Journalisten. Wulff soll auch „Welt am Sonntag“ bedrängt haben
>> Spiegel:Kredite und Anrufe. Wie Wulff in den Affären-Marathon schlitterte
>>FAZ: Wulffs Drohung. Der Anruf des Bundespräsidenten

Fotos: Flickr Frank Kehren (Schloss Bellevue)