buble arrow22

Die Macht der Blogger? Euroweb vs. Nerdcore


Wenn populäre Blogger von Unternehmen angegriffen werden, setzen sehr schnell Solidaritätseffekte ein. Eine differenzierte Betrachtung findet in der Regel zumindest zu Anfang nicht statt. Viel lieber wird der David-gegen-Goliath gelebt. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch der Fall Euroweb vs. Nerdcore auf viel Beachtung stößt. Im Minutentakt ist gestern über die Pfändung des Nerdcore-Blogangebots getwittert worden.

Eine Abmahnung auf eine Beleidigung oder aufgrund des Wettbewerbsrechts ist eigentlich nicht wirklich wichtig. Wer eine Person oder ein Unternehmen angreift, muss durchaus mit Konsequenzen rechnen: Walter hatte damals unter anderem folgendes gebloggt: „Zählt für die überbezahlten Pfuscher eigentlich das Behindertengleichstellungssetz“. Damit beschimpft er eindeutig seine Wettbewerber. Die Online-Kommunikation im Falle Euroweb erfüllt jedoch alle Klischees und lenkt von den positiven Veränderungen in der Online-Kommunikation der Unternehmen eher ab.

Wer seine Online Reputation gezielt gefährden will, muss in der Tat nicht mehr machen, als dass was jetzt aktuell im Falle des populären Bloggers René Walter passiert ist. Nerdcore steht heute noch auf dem zweiten Platz der Deutschen Blogcharts. Ob der Blogger im Recht oder Unrecht ist, sei dahingestellt. Es geht gar nicht um Gut gegen Böse. Fakt ist: Walter hat nicht rechtzeitig seine vom Gericht beschlossene Zahlung geleistet. Daraufhin hat Euroweb sein Blog Nerdcore gepfändet. Der Domaineintrag läuft inzwischen unter Euroweb.

Jedoch stellt sich die Frage, ob der dort von Euroweb seit gestern auf der übernommenen Nerdcore-Website veröffentlichte Text der Sache dienlich oder als pure Provokation gedacht ist (siehe oben).

Als wäre das nicht ohnehin umstritten genug, machte der Euroweb-Geschäftsführer Christoph Preuß gegenüber der Süddeutschen Zeitung folgende Bemerkung: „Vielleicht wird es (gemeint ist: die Nerdcore-Enteignung) ein Präzedenzfall, der einen Stein ins Rollen bringt in der Blogosphäre.“ Anscheinend setzt Euroweb bewusst auf Konfrontation und erhofft sich dadurch viel negative Aufmerksamkeit.  Reaktionen gibt es viele auf das kleine Issue, sowohl in der Echtzeitwelt wie auch in den klassischen Medienangeboten.

In der Blogger- wie in der Twitter- und Facebookwelt gab es zahlreiche kritische Anmerkungen zum Vorgehen, wie diese von A. Vatter: „Das klagende Unternehmen hat in unzähligen Kommentaren das bekommen, was es verdient: Geprellte, Gelumpte, Reingelegte – alle meldeten sich zu Wort. Die deutsche Blogosphäre bot ihnen das Forum dafür, wer sonst hätte auch zugehört?“

Aber auch auf der Nerdcore-Plattform selbst, die von Euroweb inzwischen wieder frei zugänglich ist, gibt es wie auf der Unternehmens-Facebook Fanpage die Einladung zum Dialog. Doch schon die Einleitung „Neue Erfahrung für Blogger“ der neuen Euroweb-Landingpage fängt inhaltlich nicht sehr glücklich an. Das klingt sehr selbstgerecht, nach dem Motto, wir haben es den Bloggern mal so richtig gezeigt. Es gibt zudem eine Einladung zur „Kritik“ – nicht zum Dialog. Durch diese Kommunikation werden Euroweb vermutlich nicht die Sympathien zufliegen, selbst wenn das Unternehmen tatsächlich im Recht ist und die Domain auf eBay für einen gemeinnützigen Zweck eine Versteigerung durchführen will.

Jedenfalls scheint Euroweb dadurch nicht ein großes positives Wachstum seiner Facebook-Fans und Twitter-Follower zu verbuchen. Zwar gibt es zahlreiche (kritische) Kommentare, aber eine positive Interaktion zwischen Kunden und Unternehmen sieht völlig anders aus. Viel Kommunikation mag die Marke bekannter machen, aber die Reputation leidet sicherlich darunter. Was nützt dem Unternehmen der Traffic auf den Euroweb-Angeboten aufgrund einer eher negativ besetzten Kommunikation? Die wenigsten Besucher werden sich daraufhin in Kunden verwandeln, zumindest wäre das eine große Überraschung für mich.

Die Verhältnismäßigkeit der Mittel ist vonseiten des Unternehmens überhaupt nicht gegeben und wirkt wie ein kleiner Rachefeldzug. Genauso selbstgerecht wirkt tatsächlich die Verteidigung der Bloggerwelt durch einzelne, die sich im Kampf gegen das atavistische Böse wähnen. Dennoch ist es gewagt, das Ende von Euroweb via Blogosphäre auszurufen oder die Blogger zur Cyberschlacht einzuladen. Souverän wirkt die Online-Kommunikation der beiden Parteien nicht unbedingt. Euroweb hat sich keinen Gefallen getan. Der von Walter erzeugte Schaden rechtfertigt sicherlich nicht die Form der Online-Kommunikaton. Letztlich hat auch sein Blogartikel, der Anlass für das Gerichtsverfahrens war, längst nicht die Aufmerksamkeit der jetzigen Auseinandersetzung gefunden. Zurück bleiben nach diesem nunmehr vielzitierten „Shitstorm“ nur Verlierer.

Ein Learning bleibt zudem: Es reicht für Unternehmen bei weitem nicht aus, ein Blog, einen Facebook- und Twitter-Kanal aufzubauen. Durch die technische Realisierung wird keine Marke zur Social Media Company. Dazu gehört schon etwas mehr: vor allem der sensible Umgang mit der Kundenkommunikation sowie die Influencer Relations. Ignorieren oder gar provozieren ist aus meiner Sicht keine empfehlenswerte Option. Ganz im Gegenteil. Mitunter verschärft sie die internen wie externen Reputationsprobleme eines Unternehmens.

Wie schätzen Sie den Fall ein?

>> Netzpolitik: Euroweb vs. Nerdcore
>> Süddeutsche Zeitung: Nachspiel für Nerdcore
>> Thomas Schwenke: Nerdcore.de – Wie eine Abmahnung zur Domainpfändung führen kann
>> Blogosphäre: David gegen Goliath, nächste Runde – Medien …‎ – faz.net
>> Vatter: Jubel der Wirtschaft: “ So lasst uns denn die Blogosphäre abreissen.
>> Rechtzweinull: Rechtliche Bewertung
>> Fuellhaas: Der Ton macht die Musik