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Abschied vom digitalen Freund

Wollen Sie auf Facebook mein Freund werden? Oder geht Ihnen das als Leser, Kunde, Mitarbeiter oder Dienstleister viel zu weit? Das würde ich durchaus verstehen und biete Ihnen alternativ eine Fanpage an, dennoch vergeben Sie sich dadurch eine große Networking-Chance. Ich hätte auf Facebook, Xing oder Twitter nichts dagegen, weil ich online nur Kontakte, aber keine Freunde habe. Versuchen Sie es deshalb bei mir ruhig einmal mit einer Kontaktanfrage! Aber mögen Sie auch Ihren Chef, ist er Ihr Freund? Oder können Sie es übers Herz bringen, eine Freundschaftsanfrage Ihres Kollegen abzulehnen? Manche tun es, aber wie oft geht das gut? In diesem Falle möchte ich Sie mit einigen Jahresendgedanken zum Nachdenken bringen…

In den letzten Tagen des Jahres haben wir in der Regel mehr Zeit, innezuhalten und über unsere sozialen Beziehungen nachzudenken. Das Fest der Familie und Freundschaft ist sicherlich Weihnachten. Doch wie verhält es sich mit unseren Online-Beziehungen? Spiegeln sie unsere soziale Wirklichkeit? Haben die Freunde in den sozialen Netzwerken überhaupt für uns persönlich und beruflich eine Relevanz?

Jeder Mensch hat vermutlich gerne viele (gute) Freunde. Es ist eine gewisse Anerkennung für das eigene Leben, wenn Sie zumindest ein kleines Freundschaftsnetz haben. Den Begriff Freundschaft mit dem des Social Networkings zu verbinden, hat schon etwas Geniales. Facebook war zwar nicht das erste Netzwerk, das seine Mitglieder zur Pflege ihrer (digitalen und echten) Freundschaften aufgefordert hat. Aber wer erinnert sich schon hierzulande ernsthaft an Friendster, MySpace oder Orkut?

Wir verlieren nicht gerne unsere Freunde. Tag für Tag fügen wir stattdessen lieber neue Kontakte unserem Social Media Profil auf Xing oder Facebook hinzu. An einen Abschied denken wir eher selten, da diese Form der digitalen Hygiene doch sehr aufwendig ist und die Bereitschaft für ein aktives Kontaktemanagement (auch CRM genannt) erforderlich macht.

Im Offline-Leben verabschieden wir uns äußerst selten von Freunden, wir lassen Freundschaft aufgrund eines Job-, Interessens- oder Ortswechsels (oftmals unbewusst) auslaufen. Wann haben Sie im Erwachsenenalter jemals einem Freund oder einer Freundin (nicht Beziehungspartner) gesagt: „Du bist nicht mehr mein Freund!“ Deshalb werden viele Netzwerker nach einer Weile zu digitalen Messies, allenfalls beschränkt durch eine 5.000-er Grenze auf Facebook. Jeder neue Freund ist hierbei eine Kerbe, die wir unserem Social Media Profil erfreut hinzufügen können. Erfolg? Die Außenwirkung, der digitale Anschein, sie sprechen für sich und erzeugen sogar etwas Online-Reputation. Denn die Menschen lassen sich sehr schnell von hohen Zahlen beeindrucken. Wenn jemand viele Freunde, Kontakte, Follower oder Fans hat, dann ist es ein leichtes, die niedrige Schwelle zu überschreiten, und den digitalen Promi ebenfalls als „meinen“ Freund hinzuzufügen. Über die Qualität der Beziehungen sagt das noch nicht viel aus. Aber die Zahl der Freunde macht viele von uns Networkern stolz, verführt so manchen zu einer gewissen Eitelkeit, stärkt unseren Narzissmus.

Zurzeit habe ich sowohl auf Xing wie auf Facebook jeweils mehr als 2.200 Kontakte, nicht Freunde. Davon hat man eher wenige (gute). Hinzu kommen noch meine 15.000 Twitter-Leser. Das sind (scheinbar) große Zahlen. Keine Frage. Aber von elementarer Bedeutung sind sie nur in den Fällen, in denen ich mit einzelnen persönlich interagiere. Ansonsten handelt es sich bei mir eher um lebende, sich selbst pflegende Adressbücher. Die vielen losen Verbindungen zu meinen Kontakten (andere mögen sie Freunde nennen) eröffnen mir konkrete Businesschancen, erleichtert es den anderen, mich im Fall der Fälle schnell und unkompliziert anzusprechen. Schließlich bin ich bei den Vielen immer in der digitalen Nähe, quasi jederzeit (zumindest gefühlt) erreichbar.

Wer auf Facebook nur enge Freunde hinzufügt, ist kein Networker und nutzt das Potential der Kontaktpflege auf dieser Plattform nicht aus. Außerdem wäre er als Kommunikator, Marketier oder Personalmanager im falschen Job und wäre für mich als Talent unattraktiv. Denn ehrlich gesagt verlieren Sie in den digitalen Kanälen an Handlungsoptionen, wenn Sie nicht selbst aktiv im Social Web aktiv sind. Als Betreiber einer Facebook Fanpage müssen Sie einfach in der Lage sein, auf Ihre Mitglieder als Mensch einzuwirken, ansonsten funktioniert es nur halbwegs. Betrachten Sie Ihr Social Network lieber als eine neue Form des E-Mailens, seien Sie pragmatisch, dann können Sie auch das Freundesnetz für berufliche Kontakte und ein gutes Social Media Management und den Aufbau von Social Media Relations nutzen. Zudem vermeiden Sie peinliche Fragen und können Ihren Chef als Freund akzeptieren.

10 Tipps für digitale Freundschaften & Social Networking

  1. Sie haben keine Freunde – im Web, sondern nur offline. Machen Sie sich frei von dem Begriff Freundschaft und nutzen Sie Ihr Social Network pragmatisch. Auf diese Weise sparen Sie sich viel Zeit und können leichter Kontakte sammeln und einordnen.
  2. Dennoch sollten Sie nicht zu leichtfertig „Freunde“ aufnehmen. Idealerweise verbinden Sie mit einem neuen Kontakt etwas und behalten dadurch den Überblick über Ihr persönliches Netzwerk.
  3. Wer nicht Business- und private Accounts in Listen oder sogar die Profile trennen muss/will, verzichtet auf die digitale Schizophrenie und kann leichter networken. Sie sparen Zeit und machen weniger Fehler.
  4. Im Ernst! Wie „privat“ sind Ihre bisherigen Facebook-Updates überhaupt? Wer mehr als 100 Facebook-Kontakte sein eigen nennt, schreibt in der Regel nur wenig über wirklich private/intime Dinge. Wir Menschen wollen die ganze Persönlichkeit kennenlernen. Persönliche Anmerkungen machen ein Bild rund.
  5. Pflegen Sie Ihre Freundschaften weiterhin via Xing, Facebook und Twitter, aber nutzen Sie doch dazu verstärkt auch  die Directmessages und Mails. Das geht wunderbar.
  6. Je mehr schwache Bindungen Sie aufbauen, desto mehr Möglichkeiten in der Kommunikation öffnen sich Ihnen. Darauf sollten Sie nicht verzichten. Aus einzelnen können sich Freundschaften oder Karrierechancen entwickeln. Andere sind nicht unbedingt störend.
  7. Soziale Hygiene heißt heute auch, dass Sie sich aktiv von Networking-Partnern trennen, mit denen Sie wirklich nichts mehr verbindet. Überprüfen Sie Ihre digitalen Freundschaften und verabschieden Sie sich hin und wieder von einzelnen Kontakten.
  8. Taggen Sie gezielt Ihre Kontakte, damit Sie den Überblick behalten. Wer ist Ihnen wichtig, wer weniger? Auf Xing geht es über Tags sehr gut, auf Facebook gibt es wie auf Twitter Listen.
  9. Stärken Sie Ihre Online-Reputation, indem Sie bewusst auf gute persönliche Profile setzen – und lehnen Sie dabei Ihre echten Freunde nicht ab.
  10. Seien Sie freund-lich zu Ihren Kontakten, nehmen Sie diese ernst und nehmen Sie hin und wieder tatsächlich realen Kontakt auf. Dann entsteht aus den vielen schwachen Bindungen so manche starke.

Welche weiteren Tipps fallen Ihnen ein? Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins Jahr 2011!

Bildquelle: Shutterstock