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Always on: TV-Moderator Richard Gutjahr liebt das Social Web

Unter Journalisten gibt es, das ist hinlänglich bekannt, jede Menge Social-Web-Skeptiker. Sie rümpfen bei User Generated Content die Nase, halten Twitter für eine Geschwätzschleuder und gehen mit Xing um, als sei es ein stupider Online-Zimpel. Aber es gibt auch – immer mehr – Journalisten, die das Social Web für sich und ihren Beruf entdecken und schätzen. So wie Richard Gutjahr, Moderator der Nachtausgabe der "Rundschau" und Mitarbeiter der Geschäftsführung des Bayerischen Rundfunks (BR). Ein bekanntes Gesicht in Bayern, das auch am Wahlsonntag zu sehen sein wird: Während der Live-Sendung des BR von 18 Uhr bis Mitternacht wird er die Online-Aktivitäten leiten und moderieren.

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Nicht nur im TV – auch im Internet gehört Gutjahr mittlerweile zur Prominenz. Er twittert, kommentiert, diskutiert, kontaktet, lädt Bilder und Videos hoch, stöbert bis tief in die Nacht in neuen Tools – eben alles, was es zu tun gibt in einem engagierten Social-Media-Leben. Seinen Blog füllt er mit Artikeln, in denen er über Medien- und Journalismus-Themen schreibt.

Kritische Kollegen werden sich fragen: Was, bitteschön, soll das bringen? Was hat Gutjahr denn von seinem umtriebigen Online-Leben – das kostet ihn doch wertvolle Zeit? Und vor allem: Was nutzt es dem BR? Antwort: eine Menge, und zwar beiden.

Im Social Web zeigt der 36-Jährige seine Bandbreite als Journalist. Wer den „Online-Gutjahr“ kennt, weiß: Er kann mehr als moderieren. Er arbeitet weltweit als Reporter, schreibt, zeichnet Cartoons, dreht selbst. Dazu beobachtet er aufmerksam das Online-Geschehen, tauscht sich gerne mit Gleichgesinnten aus und hat die Gabe, über sich selbst zu lachen. Er zeigt seine "beruflich-private" Persönlichkeit. Weil er seine vielseitigen journalistischen Arbeiten auf unterschiedlichen Portalen platziert und mit seiner Website verlinkt, geraten diese nicht in Vergessenheit und nutzen ihm als Beispiele seines Schaffens. Standard-Porträts auf Websites wirken im Vergleich zu dieser umtriebigen Selbstdarstellung leblos wie Styropor.

Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, unterstütze sein Online-Engagement – "weil der BR ja auch von meinem Wissen profitiert, so Gutjahr. Zum Beispiel sei sein Know-How hilfreich, wenn Online-Strategien für Sendungen entwickelt werden sollen. Ein weiterer Grund: Gutjahr sorgt im Netz für Image und Bekanntheit. "Ich gebe dem Haus nicht nur im TV ein Gesicht, sondern auch im Internet." Dass er als Freier für den BR arbeitet, sei da nur von Vorteil: "Als Angestellter muss man zwei bis drei mal überlegen, was man schreibt, das raubt die nötige Spontaneität und Authentizität. Dazu braucht man Freiheit – und die wiederum tut einem so großen Haus gut." Bedingung: Seine persönliche Meinung zu Themen, die er in seiner TV-Sendung behandelt, bleibt im Internet tabu.

Gutjahr würde es begrüßen, wenn der BR im Social Web noch aktiver werden würde: „Heute wirken TV-Sendungen sehr glatt. Das Social Web ist spontan und hat den Charme des Handgemachten. Es gibt dem Fernsehen das Überraschende zurück. Das ergänzt sich gut." Und wo sollte der BR nach Talenten suchen, wenn er dieses Engagement ausbauen möchte? "Im eigenen Haus, die sind schon alle da! Das sei eine Riesenchance – für alle Unternehmen, so seine Überzeugung: "Die Summe der Mitarbeiter ist mehr als die Summe aller Aufgaben, die sie erfüllen. Das ist ein Schatz, den Firmen heben könnten."

Fünf bis sechs Stunden verbringt der bekennende Apple-Fan pro Tag online – Informationsrecherchen, die sein Beruf erfordert, nicht mit eingerechnet. Das alles bekomme er gut unter einen Hut, beteuert er. Bedingung: "viel schwarzer Kaffee, um die zehn Tassen am Tag." Die ersten zwei trinkt er um acht Uhr morgens, während er einige Tageszeitungen liest – online, auf seinem MacBook. Auch in Blogs stöbert er frühmorgens nach aktuellen Themen. Erst später, im Büro, durchblättert er wichtige Printmedien. Auf die will er nicht verzichten: "Sie schildern die größeren Zusammenhänge in hoher Qualität." Während seiner Arbeitszeit steht neben dem PC sein privates MacBook, inklusive UMTS-Stick. Gutjahr ist "always on". Seine Überzeugung: "Social-Media-Engagement muss im Leben verankert sein." Auch nach der Nachtausgabe der "Rundschau" geht der Münchner, noch zu aufgewühlt von der Sendung um schlafen zu gehen, ins Internet oder schreibt für sein Blog.

Routine, die ihm bei der Bewältigung der zahlreichen Aufgaben helfen könnte, hat er nicht. Genausowenig ein Konzept für seine zahlreichen Online-Aktivitäten: "Das ist eher Intuition. Ich mache viele Dinge 'by heart’." Und das aus Überzeugung: "Für mich ist das ständige Ausprobieren der zahlreichen Möglichkeiten im Social Web die eigentliche Routine, alles ist im Fluß." Sein simpler Tipp an alle Kollegen, die noch zaudern: "Einfach machen. Keine Angst vor Fehlern, die macht jeder und gehören dazu."

Gutjahr braucht keinen Workflow, kein Konzept. Aber er hat eine Regel – und an die hält er sich. Er schützt seine Privatsphäre. Eine Gratwanderung, denn sowohl im TV wie auch im Web gelte: "Die Leute haben ein Recht darauf zu wissen, mit wem sie es zu tun haben." Also gibt Gutjahr wohl dosierte Portionen an Persönlichem preis: etwa dass er überzeugter Apple-Fan ist, eine Tochter hat, dass er gerade das Gärtnern für sich entdeckt und gerne Astronaut geworden wäre. "Aber mehr wird man über mich nicht erfahren", so der gebürtige Bonner und rät:"„Jeder sollte für sich einen Netzcharakter entwerfen, der aus Teilen der komplexen ganzen Persönlichkeit besteht. Diese kann dann im Verborgenen bleiben."

Anfang September Gutjahr diese Regel und schrieb einen Blogartikel in sehr eigener Sache: "Hilfe, ich werde gestalkt". Er machte publik, dass er seit Jahren von einer Frau verfolgt wird. "Meine Hoffnung: Dass sie diese Zusammenfassung liest und ihr bewusst wird, was sie mir antut." Verkehrte Online-Welt: Während andere im Netz um ihre Privatsphäre fürchten, setzt es Gutjahr gezielt ein, um seine Privatsphäre zurück zu gewinnen.

Im Frühjahr startete er einen Selbstversuch. Er wollte eine Woche lang offline (über)leben – ohne Computer, ohne Handy. Wie es ihm erging, dokumentierte er in TV-Beiträgen. "Mir ging es schlechter als die Bilder zeigten. Ich habe das Offline-Leben verlernt, nichts hat funktioniert. Nicht mal das Fax, weil der Toner ausgetrocknet war. Mein Anrufbeantworter war voller Meldungen. Alle waren sauer, weil ich so schwer erreichbar war." Kurz darauf unternahm er den Gegenversuch: Eine Woche online – ohne das Haus zu verlassen. Fazit: "Das hätte ich locker ein paar Wochen länger durchhalten können."

Das Vorgehen Richard Gutjahrs: Ausschöpfen des Social-Web für Kommunkation und Präsentation, dabei der Intuition vertrauen und auf ein – womöglich einengendes – Konzept verzichten; zudem bestimmte Themen, die den Arbeitgeber betreffen, aussparen und die Persönlichkeit mit einer "Teilpersönlichkeit" schützen. 

Ist ein starkes Online-Engagement wie jenes von Richard Gutjahr die ideale Methode, um als Journalist im Gespräch zu bleiben? Welche Alternativen gibt es?

Doris Eichmeier

Bildquelle: Mathias Vietmeier,