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Online Reputation Management 15: Martina Pickhardt über Live-Videos

Manche Menschen sind durch ihre Online-Aktivitäten sehr bekannt geworden. So hat die Hamburger Unternehmensberaterin Tina Pickhardt sich als Twitterin und Video-Podcasterin einen Namen gemacht. Wer Ihren Namen googelt, erhält zahlreiche Ergebnisse und lernt die Facetten näher kennen. Dabei spielt sie auch ein wenig mit ihren unterschiedlichen Identitäten.

1. Mit wem rede ich jetzt eigentlich, mit der PickiHH, die bei Twitter, Videoportalen und Blogs unterwegs oder mit der Strategie- und Technologieberaterin Tina Pickhardt? Sie sind mit verschiedenen Identitäten im Netz aktiv unterwegs. Es gibt rund 16.300 Treffer für PickiHH, aber nur 10.000 Einträge für Martina Pickhardt.

PickiHH ist zufällig entstanden. Ich nutze es für einige meiner Online-Aktivitäten. Dadurch dass ich viel mehr twittere und weniger blogge, hat sich mein Twitter-Nickname bei vielen Lesern eingeprägt. Tina Pickhardt würden ohne Twitter-Account vermutlich viel weniger Menschen kennen. In meinem Blog stehen gerade einmal 60 Blogeinträge, während ich auf Twitter schon mehr als 8.500 Updates vorgenommen habe.

Da ich mich nach der New Economy verstärkt in den interdisziplinären Diskursen zwischen Kunst und Wirtschaft herumgetrieben habe, u.a. als Stipendiatin an der Akademie Schloss Solitude, bezeichne ich mich als Web 2.0 Migrantin, die langsam vom Web1.0 ins Web2.0 migriert. Der Untertitel meines Blogs „Themenriff" lautet deshalb  auch „Migration ins Web 2.0".  Auf der Next08 habe ich meinen gesamten bisherigen Migrationshintergrund getroffen. Es waren viele Menschen dort, die mich seit Jahren in meinem Leben in irgendeiner Art und Weise begleiten. Darunter viele, die mich aus der New Economy Zeit noch kennen, aber auch viele, die mich nur als Twitterer oder Barcamperin erleben.

2. Was machen Sie eigentlich, wenn Sie gerade nicht twittern?

Meine große Leidenschaft liegt im Bewegtbild: TV und Video. Deshalb experimentiere ich viel in diesen Bereichen. Ansonsten verfolge ich die Re-Gründung meines Start-ups, in dem es um Personalisierung, Targeting, OpenID und Profiling geht. Natürlich wird es da eine Kombination mit meiner Bewegtbildleidenschaft geben…

3. Welche Videos produzieren Sie und was passiert damit?

Seit Ende 2007 übertrage ich oft Dissussionsrunden von Konferenzen wie zum Beispiel Barcamps ins Netz. Außerdem führe ich viele individuelle Live-Video-Gespräche und übertrage sie direkt ins Internet. Der Reiz des Live Broadcastings liegt für mich persönlich vor Allem in der Spontanität von Situationen und der Improvisation. Ich habe selten Interviewpartner vor der Kamera, die länger als 30 Sekunden vorher wussten, das Sie jetzt live ins Internet gestreamt werden.

4. Wie sieht so etwas aus?

Wenn ich auf einer Konferenz jemanden sehe, von dem ich weiß, dass er interessante Dinge macht, spreche ich ihn an, damit er in meinem Broadcast der Öffentlichkeit erzählt, was er so tut. Vorführen will ich hierbei niemanden Deshalb verzichte ich auch auf eine klassische Interviewführung, die den anderen inszenieren würde.

Auf der Next08 habe ich Simyo-CEO Rolf Hansen rumstehen sehen, einen Mogulus-Überfall vorgenommen und das Ganze live ins Netz übertragen. Rolf hat dann unter anderem über sein Geschäftsmodell gesprochen und infolge dessen hat einer meiner Twitter-Leser seinen Handyvertrag gekündigt und ist Kunde bei Simyo geworden.

Aber natürlich spreche ich auch Menschen an, die ich überhaupt nicht kenne. Einfach aus Neugier und weil ich glaube, dass jeder Mensch interessante Facetten hat, die zu erzählen lohnenswert sind.

5. Sie machen sehr viele Videos? Wen interessiert das überhaupt? Was ist relevant an Ihren Videos oder Twitterartikeln?

In der Regel schauen bis zu 70 Onliner meine Live-Broadcasts an. Die
Zuschauer kommen jeweils über Twitter- und Blog-Links, die andere oder
ich ins Netz gestellt haben. Aber anschließend schauen sich viele
Onliner die Video-Konserven an. Immerhin haben wir auf dem Barcamp
Hannover rund 23.000 Sendeminuten verbuchen können.

Nicht alles, was ich hierbei als relevant empfinde, wird von anderen
genauso gesehen. Letztlich will ich dabei herausfinden, was mit einem
Video alles technisch und in der Kommunikation möglich ist.

Die Diskussion, ob Twitter irgendeine Relevanz hat, könnte
wahrscheinlich schon Bücher füllen. Tatsache ist jedoch, das nicht ich
über die Relevanz meiner Tweets oder Videos entscheide, sondern der
Leser und Zuschauer. Wenn ich Teets von mir in den Favoritenlisten
anderer Twitterer finde, handelt es sich manchmal um Sätze, die ich
selbst weder relevant noch witzig finde und trotzem haben sie eine
Bedeutung für jemand anderen, und das ist toll und freut mich dann sehr.

6. Haben Sie bei einem Live-Video keine Angst vor einem Kontrollverlust?

In der Situation, in der man allein vor dem Computer sitzt und das
Gefühl hat, man führt ein Selbstgespräch, kann es natürlich passieren,
das man Dinge erzählt, nur, um überhaupt etwas zu erzählen. Da denkt
man schon manchmal hinterher, das ging jetzt zu weit oder hat das
Gefühl zu privat geworden zu sein. Ich glaube, diese Erfahrung macht
jeder, der mit Live-Broadcasting anfängt. Im Grunde ist die Situation
ähnlich einer phsychologischen Anordnung, wo das jeweilige Gegenüber
schweigt, um jemanden zum Reden zu bringen. Die Zuschauer "schweigen"
ja auch, trotz Chatfunktion.

7. Welche Wirkung erzielen Sie mit den Videos?

Im Video sehe ich die Mimik und Gestik des anderen Menschen und
erhalte einen umfassenderen Eindruck von meinem Gegenüber. Das geht
weit über einen Twittereindruck hinaus und zeigt mir eher den ganzen
Menschen. Durch den fehlenden Inzsenierungsrahmen den das Fernsehen
erzeugt wirken Live-Broadcasts von Amateuren und Semi-Profis sehr viel
authentischer. Ein Medientraining, wie es beispielsweise professionelle
Moderatoren bekommen, haben wohl die wenigsten in diesem Umfeld. Das
hat Vor- und Nachteile. Vielleicht merken die Zuschauer, dass nichts
inszeniert ist und die Videos 100 Prozent Picki sind.

8. Worauf sollte man als Live-Broadcasterin besonders achten?

Ich finde es wichtig eine authentische Emotionalität zu zeigen und
zu bewahren. Man sollte sich niemals verbiegen für etwas oder jemand
anderen. Aber das gilt natürlich für alles im Leben. Alte Leier also
und sehr pathetisch. Nach den ersten Tests merkt man schnell, dass ein
gute Vorbereitung sinnvoll ist. Ein kleines Drehbuch oder zumindest
eine Stichwortliste mit Themen zu denen man etwas sagen möchte und zu
welchen NICHT. Ich will mir auch jedes Mal so eine Liste machen, aber
ich vergess es leider immer. Genauso wichtig ist es den Zuschauerchat
im Auge zu behalten und Themen die dort entstehen aufzugreifen. Und
natürlich ist es ein immenser Unterschied ob jemand über Sachthemen
redet oder Entertainment betreibt. Letzeres hält die grösseren
Fettnäpfe bereit.

9. Was wollen Sie mit Ihren Aktivitäten erreichen?

Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und bringe gerne andere Menschen
zusammen; Networking eben. Es gibt keine langweiligen Charaktere.
Deshalb möchte so etwas mit Video einfangen und die spannenden Facetten
der Persönlichkeit herauszuarbeiten, damit andere sie ebenfalls
wahrnehmen können. Allerdings gelingt das nicht immer, weil man eben
ein Gespräch von Mensch zu Mensch führt und nicht von Moderator zu
Interviewpartner.

Das Formate, wie z.B. "das perfekte Dinner", "die Super Nanny" oder
die ganzen Auswanderershows so erfolgreich sind, liegt meiner Meinung
nach darin, daß sie einen Blick in den "privaten Raum" der
Protagonisten zeigen. Anhand der Eigenheiten dieser normalen Menschen
mitsamt ihres Einrichtungsgeschmacks, ihrer Berufsträume, ihrer Fehler,
Stärken und Schwächen, kann man sich selbst verorten durch
Identifikation, Ablehnung oder Anregung. Man setzt sich und sein Leben
in Bezug mit dem Leben da draussen und bleibt dabei doch anonym und
unentdeckt.

Live-Broadcasting oder besser gesagt: interaktives Fernsehen, geht
einen Schritt weiter. Die Interaktion durch den Zuschauerchat
ermöglicht eine proaktive Enttarnung sofern der Zschauer dies möchte.
Aber auch ohne diese Enttarnung kann er seine Emotionen unmittelbar
ausdrücken. "Ja, so geht’s mir auch" oder "Du hast doch einen Knall".
Und zwar unmittelbar und mit anderen Zuschauern im direkten Austausch
und nicht erst über ein Telefonvoting mit vorgefertigten
Auswahlmöglichkeiten welches erstmal einen Medienbruch darstellt und wo
sich zweitens sowieso jeder fragt, ob alles mit rechten Dingen zugeht.
Ein absolut interessantes Startup übrigens, welches dieser Tage in
einer Beta-Version launcht und diesen noch vorhandenen Graben zwischen
dem traditionellen Fernsehen und der neuen Interaktion überbrückt ist Telewebber.

10. Sie sind durch ihre privaten Videos eine öffentliche Person geworden. Was ist überhaupt noch privat für Sie?

Die Frage ist doch erstmal, wann Öffentlichkeit überhaupt anfängt.
Selbst bei den Zuschauerzahlen, die wir über die Barcamp-Konferenzen
erreichen, finde ich den Ausdruck "öffentliche Person" zu weit
gegrifffen.

Ansonsten sind meine Freundschaften natürlich absolut privat. Das
sind zum grössten Teil Freunde, die mich seit vielleicht 25 Jahren
begleiten und nicht zwingend meine Internet-Leidenschaft teilen. Und
selbst bei Freunden, die ebenfalls Twittern und sich in einer gewissen
Internetöffentlichkeit bewegen, gibt es eine Grenze des privaten Raums
die nicht überschritten wird. Die liegt allerdings bei jedem woanders.

Ihr Vortrag auf der Next08 gemeinsam mit Kosmar:

 

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Klaus Eck