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annewillr – Der erste virtuelle Blog-Talk (Teil 3)

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Auf der re:publica-Konferenz in Berlin haben Jochen Mai (Karrierebibel) und Florian Steglich sich ein kleines Experiment ausgedacht, weil auf der Bloggerkonferenz und auf Barcamps zunehmend der Eintrag entsteht, dass alle nur noch reden statt zuzuhören. Twitter heißt nicht umsonst übersetzt "Gezwitscher". Bleibt im Social Media-Kontext, in dem alle ihre Inhalte online stellen, überhaupt noch Platz für einen Dialog? Die beiden haben  Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache) und mich zu einer virtuellen Podiumsdiskussion eingeladen:"Reden statt Hören – Verändern Kanäle wie Twitter, SMS oder Blogs unsere Gesprächskultur?" Bis Freitag bloggen, twittern und videosieren wir abwechselnd  Beiträge und Antworten und reichen das virtuelle Mikro anschließend an einen der anderen
Podiumsteilnehmer weiter. Dabei freuen wir uns über Ihre Kommentare und Fragen.

Es ist zwar nicht ganz leicht, via Zug und UMTS ein Video abzurufen und zu bloggen, doch das ist Alltag im Leben eines Twitteratis, insofern passt es durchaus zum Thema. Ich bin oft mit der Bahn unterwegs und nutze hierbei Twitter als Quasi-Bewegungsmelder. Manchmal würde ich mir wünschen, dass die Menschen mehr twittern und weniger miteinander reden. Das würde den Business- bzw. Erholungsfaktor auf Bahnreisen immens steigern. Störend finde ich das Twittern hierbei nicht, solange die Tasturgeräusche der Bahnreisenden nicht die Handy- und realen Gespräche übertönen.

Isolierte Kommunikationsstränge, die nur von wenigen Journalisten aufgegriffen worden sind, gehören tatsächlich der Vergangenheit an, wie es Thomas Knüwer in seinem Videobeitrag sagt. Heute ist die Kommunikation viel vernetzter, da die Zuhörer in einer Veranstaltung nicht mehr passiv dem Experten lauschen, sondern ebenfalls an ihrem Wissen aktiv arbeiten, indem sie daraus einen Blogbeitrag machen und diesen der Öffentlichkeit auf vielen Online-Plattformen zur Diskussion stellen. Wir bereiten twitternd, xingend und bloggend unsere Social Web Breakfasts vor und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Es stört nicht weiter, wenn ein Referent Fragen aus dem Twitter-Off erhält, die während einer Diskussionrunde eintreffen. Letztlich kommt hierbei nur auf die Form der Integration in die Kommunikation an.

Die technischen Möglichkeiten des Web 2.0 stellen eine enorme Herausforderung an die Medienkompetenz des Einzelnen dar, schließlich fällt es nicht leicht, den vielfältigen Online-Diskussionen noch zu folgen. Müssen wir das überhaupt? Sind die Informationen auf Twitter und in den Blogs relevant? Einzelne Infostränge kann man vielleicht noch auf einer Aggregationfläche wie Rivva nachvollziehen. Manches findet sich im RSS-Feed, den wir lesen. Darüber hinaus geht viel Kommunikation verloren, wenn wir nicht ein kleines oder großes Monitoring mit Technorati oder Tweetscan aufsetzen. Damit der Sender auch Empfänger und Zuhörer bleibt, sollte jeder zumindest auf die Reaktionen in Blogs eingehen.  Twitter haben hierbei erst wenige Unternehmen auf dem Radar.

Es wäre wirklich ein Fortschritt, wenn Politiker bei Anne Will und in anderen Talkshows nicht mehr aus ihrer Hosentasche einen Zettel hervorkramen würden, sondern ihre Online-Kompetenz mit einem Notebook andeuten könnten. Ein Chat im Anschluss an die Sendung ist zwar schön und gut, aber würde bei vielen Politikern ohne Coaching gar nicht funktionieren. Deshalb plädiere ich für die Twitterisierung der Politsphäre, die dann im entscheidenden Moment eine Grafik an die Twitter-Wand im Studio-Hintergrund schicken.  Vielleicht bleiben uns dann wenigstens Interviews erspart, in denen Politiker ihre Internet-Inkompetenz unter Beweis stellen. Always on wäre hier durchaus erstrebenswert.

Peinlich wird die Echtzeitkommunikation via Instant Messenger oder Twitter natürlich, wenn sie eine Präsentation unterbricht. Das hat ähnliche Effekte wie ein nichtabgeschaltetes Handy in einer Diskussion, ist aber nicht ganz so laut. Aber warum sollte man einem Moderator einer Veranstaltung nicht durch Twitter- oder Instant Messanger einige Fragen zuschicken dürfen? Und damit das Niveau einer Talkshow oder einer Konferenz erhöhen? Gut, das mag nicht immer ins redaktionelle Konzept einer Sendung passen. Dennoch würde ich mir eine Art CNN-Youtube-Debate auch einmal im deutschen Fernsehen wünschen, möglichst mit einer echten Twitterwand im Hintergrund.

Zugegebenermaßen überfordert die Informationsgeschwindigkeit und –vielfalt viele Rezipienten. Was sollen wir heute alles schon an Social Media Content zu uns nehmen: Twitter- und Blog-Beiträge, Video- und Podcasts etc. Am liebsten würden deshalb manche Kommunikatoren und Journalisten wieder aus dem Web 2.0 aussteigen und zur alten analogen Welt des Zeitungslesens zurückkehren, die ein klares Oben und Unten definieren. Hier der Publisher – dort der Leser.

Was sollen wir angesichts dieser Informationsflut denn nun machen, Florian Steglich, vielleicht einfach mehr Bücher lesen und mehr zuhören?

>> Zum Auftakt des virtuellen Blog-Talks bei Jochen
>> Karrierebibel: annewillr – der erste virtuelle Blog-talk

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Klaus Eck