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Das Ende der (alten) Privatheit

Blogosphäre statt Privatsphäre? In Zukunft kann jeder alles über uns Blogger und sonstigen Web 2.0-User erfahren. Die neue radikale Transparenz in der Google-Gesellschaft macht es möglich, ohne dass sich die Frage stellt, ob wir das wollen oder nicht. Entscheidend hierbei ist es, sich diesem Prozess bewusst zu sein und sorgsam mit den eigenen persönlichen Informationen umzugehen. Dann bleibt die Blamage oder der Reputationsschaden vielleicht aus. Was früher noch privat war, wird heute online (und im Fersehen) längst öffentlich diskutiert und manchmal auch seziert.

Die Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Sabine Trepte fragt sich in einem Forschungsprojekt, welchen Wandel die Vorstellung der Privatheit durch das Web 2.0 nehmen wird. Während in den 80er Jahren die Volkszählung ein großes Thema war und jeder darauf bestand, seine Daten nicht preiszugeben, weil ansonsten der Staat viel zu viele Informationen über uns Bürger hätte, stellen wir heute allzu bereitwillig Informationen ins sogenannte Mitmach-Web.

Bei einer einfachen Online-Recherche erfahren wir bereits eine Menge über aktive Web 2.0-Nutzer, manchmal geben diese auch unfreiwillig sehr viele Informationen über ihre Lebensgewohnheiten ins Netz und bedenken gar nicht, dass sie damit das Private zum Allgemeingut machen. Das kann problematisch bei der eigenen Karriere werden, weil jeder Headhunter und Personaler online den direkten Zugriff auf persönliche Daten erhält. Andererseits führt diese Transparenz dazu, dass es für jedermann sehr viel einfacher wird, einen persönlichen Zugang zu einem bisher Fremden herzustellen. Wir erhalten durch seine Informationen im Blog, Twitter-Kanal, Xing- oder Facebook-Profil viele Hinweise auf die Persönlichkeit und Identität einer Person. Ein erster Eindruck entsteht und simuliert das erste Kennenlernen in der realen Welt und erleichtert dieses auch dort. Sabine Trebte kann sich sogar vorstellen, dass der Begriff Privatsphäre eine neue Bedeutung erhält:

"Prinzipiell ist denkbar, dass auch hier eine Habitualisierung stattfindet, dass es also nicht mehr als außergewöhnlich, sondern als ‚normal‘ empfunden wird, wenn wir in der Öffentlichkeit über intime Details sprechen", heißt es auf ihrer Website der Universität Hamburg.

Ihre Fragen gefallen mir. So will sie im Forschungsprojekt herausfinden, ob sich durch das Internet die individuelle Konzeption von Privatsphäre verändert und ob wir uns daran gewöhnen, dass wir unser Privatleben im Internet öffentlich und damit weltweit zugänglich machen.

Meiner Ansicht nach wird diese Veränderung der Wahrnehmung des Privaten durch die neuen Möglichkeiten der Social Software zumindest begünstigt. Durch die Digitalisierung unserer Lebenswelten definieren wir jeden Tag die Privatsphäre neu. Wen lassen wir unsere Flickr-Bilder, Reisedaten (Dopplr), Online-Profile mit persönlichen Gewohnheiten (Facebook) und Blog-Einträge über persönliche Erfahrungen (Tagebuch) lesen?

>> Prof. Dr. Sabine Trebte: Projekt: Web 2.0 und Medienethik: Medienpsychologie : Forschung : Web 2.0 und Medienethik
>> Behr, K. & Trepte, S. (in Vorb.): Bloggerkodex und Bundestrojaner: Diskussionen über Medienethik im Web 2.0
>> Reinecke
& Trepte (in Vorb.). Privatsphäre 2.0: Konzepte von Privatheit,
Intimsphäre und Werten im Umgang mit user-generated-content.
>> Heise Online: Die Privatsphäre ist teilbar
>> Sabine Trepte, Erich H. Witte: Sozialpsychologie und Medien

Klaus Eck