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Neue Erfolgsrezepte – Kryptodenglisch-PR

Ich bekomme immer mehr PR-E-Mails, die ich nicht verstehe. Nicht aus China. Aus Deutschland. Der Absendername klingt deutsch, die Web-Adresse auch. Manchmal ist sogar ein Foto einer jungen Dame dabei, die ganz sympathisch wirkt. Ganz, so als könne sie mir schlüssig erklären, warum sie gerade mir ihr Foto verehrt, wo sie doch keinerlei anrüchigen Absichten zu haben scheint außer etwas PR machen zu wollen.

Nach diversen wichtigen Positionen, erfahre ich, hat sie nun eine neue wichtige Position in einem Konzern gefunden, der mir und wohl auch vielen anderen Empfängern aus Wirtchaftspresse-Datenbanken wenig sagt. Kurz, die Info, dass die junge Dame in der Managegement-Hiercharchie die nächste Sprosse in einem neuen Unternehmen erreicht hat, ist für mich so wichtig wie das sprichwörtliche Fahrrad, das in Hongkong umgefallen ist. Dennoch gönne ich ihr den Aufstieg.

Wenn ich ganz neugierig bin und wissen will, was die junge Dame
konkret von mir will, soll ich bitte das beigefügte Dokument öffnen.
Interessantes lese ich da über sie – eine Kommunikationskoriphäe muss
sie sein, nachdem zu urteilen, was sie so alles schon in mir
unbekannten Weltfirmen bewegt hat. Internationale PR aufgesetzt etc.

Sie sehen – sie bewegt mich tatsächlich. Ich lese, versuche aus
unkonkretem PR-Deutsch und Kryptodenglich zu verstehen, um was es geht,
was ihr Arbeitgeber Gutes für die Menschheit tut. Endlich werde ich für
meine hartnäckige Neugierde belohnt. Es dreht sich um E-Procurement,
Einkaufsplattformen etc. Nicht mein Thema. Das weiß ich endlich nach 7
verlorenen Minuten.
Ich freue mich schon auf die nächste Mail. Vielleicht kommt dann ein
Kreuzworträtsel – und ich kann gewinnen, wenn ich waag- und senkrecht
herausfinde, was das konkrete Geschäftsmodell ist.

Ähnliches schaffen aber auch Beratungsfirmen wie T-Systems. Bei
Spiegel.de stolpere ich über ein Banner, das verspricht "Mit Real ICT
von T-Systems Erfolg vorprogrammiert". Auch hier stolpere ich in die
Neugierfalle: was ist Real ITC, das sich wie Eistea spricht. Zeri
Klicks und eine minimalistische Animation mit drei spachlosen
T-Systems-Menschen – als Expertenteam angedroht – versucht mir
powerpointmäßig beizubringen, dass ITC alles optimal vernetzt und mir
einen schnellen Return of Investment bringt. Aber was dieses Real ITC
nun konkret ist, das wissen auch die drei Experten – und möglicherweise
noch einige Menschen mehr bei T-Systems nicht. Mir scheint, als hätten
sie es der Kreativ-Agentur auch nicht erklären können. Das ist jetzt
ein wenig ungerecht gegenüber autistisch geprägten IT-Menschen, die
plötzlich Kreativ-Profis ausgeliefert sind. Wahrscheinlich hat ein
Erklärung einfach dem Kreativ-Konzept widersprochen. Auch hier hat man
vergessen für die Erratung der Lösung einen Preis auszusetzen.

Roland Keller