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Die Bloggerwelt als Spiegelkabinett

"Blogs sind die digitalen Spiegelkabinette des 21. Jahrhunderts – als
Bühne und als oft schick hergerichteter Präsentierplatz des
Individuums", meint Kai Hattendorf, Senior Manager Public Affairs T-Online, Deutsche Telekom AG, im Media coffee Blog. Damit spielt er auf nette Art und Weise auf eines der Ergebnisse der Blogstudie der Universität Leipzig an, die Ansgar Zerfaß vor kurzem präsentiert hat. Mich wundert es nicht weiter, dass selbst die befragten "Trendsetter und Heavy User" ihre Blogs als Tagebuch, Zeitvertreib oder zur Selbstdarstellung nutzen. Schließlich stellen persönliche Online-Tagebücher bekanntermaßen mit rund 95 Prozent das häufigste Blog-Format dar.

Wer die Blogophäre betritt, gerät in einen unübersichtlichen Spiegelsaal, dessen Pracht sich erst durch die geschickte Anordnung der Spiegel erschließt. Kein Wunder also, dass viele Blogleser häufig das Problem haben, dass es für sie keinen zentralen Startpunkt gibt. Die wenigsten Nutzer starten via Technorati oder Google Blogsearch. Jeder von ihnen bewegt sich auf unbekannten Pfaden in die Bloggerwelt hinein und viele finden sich kaum noch zurecht, so lautet ein weiteres Ergebniss der Blogstudie 2007 von Ansgar Zerfaß. Gefunden werden die Blogs meistens per Zufall. 70,1 Prozent der Befragten gaben an, dass sie über Blogverlinkungen auf andere Online-Journale aufmerksam wurden.

Fehlt der Spiegel, ist es für den einzelnen Blogger schwer, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So zeigt die Zerfaß-Studie erneut, wie wichtig die Vernetzung und die Blogpromotion ist, damit man sein Blog überhaupt sichtbar machen kann.

Die vielen Links, die auf ein Blog führen (digitale Spiegel), ermöglichen es erst, Räume größer erscheinen zu lassen oder eben Blogger ins rechte Licht zu rücken. Sie können in jedem Falle die Neugierde einzelner entfachen. Doch Blogger lieben es, auf andere Blogs einzugehen und sich selbstreferentiell zu spiegeln. Insofern spielen Blogs als Plattformen eine große Rolle beim Social Networking.

Via (Corporate) Blog kann ich einen Leser an meinen Ideen, Meinungen und Interessen teilhaben lassen. Schließlich kann ich den Blogleser in mein "Haus" (Corporate Blog) einladen, ihn mit guter Lektüre bewirten sowie mit ihm via Kommentar sprechen und auf diese Weise sein Vertrauen erwerben. Das wirkt wesentlich glaubwürdiger als ein potemkinsches Dorf, dass nur aus hübschen Fassaden (Websites) und info@unternehmen.de-Adressen zu bestehen scheint.

Wie relevant sind Blogs überhaupt? Und wann geht das vorbei, auf diese Fragen treffe ich immer wieder. So manchen mag die Antwort enttäuschen, aber der (digitale) Geist ist aus der Flasche. Deshalb müssen Unternehmen heute mit dem Phänomen Blogs umgehen und selbst darüber befinden, ob sie ein Corporate Blog aufmachen oder vielleicht nur Blog-Monitoring betreiben.

In vielen Blogs geht es tatsächlich nur um private Befindlichkeiten, die allenfalls für einen kleinen Leserkreis von Interesse ist. Aber auch etwas Bedeutendes kann in einem digitalen Spiegelkabinett geschehen. Immerhin wurde in dem großen Spiegelsaal des Schlosses von Versailles 1871 das Deutsche Reich ausgerufen, der Deutsche Kaiser gekrönt und das Ende des Ersten Weltkrieges besiegelt. Momentan wirkt hingegegen das digitale Spiegelkabinett eher wie ein Senfuniversum. Dennoch gibt es Hoffnung für Qualität in der Blogosphäre. Immerhin nutzen französische wie amerikanische Präsidentschaftskandidaten das Web 2.0 und Blogs für ihre politischen Kampagnen, weltweit wächst die Zahl der Corporate Blogs rasant und die Kunden bewerten in ihren privaten Blogs immer häufiger Produkte. Erst vor kurzem spiegelte das Cover der "Time"-Ausgabe konsequenterweise seine Betrachter und nahm damit jeden Leser auf den Titel einer neuen Medienwelt, in der User Generated Content eine spannende Rolle zugewiesen bekommt: Selbst kleine Online-Tagebuchschreiber können im Mittelpunkt des medialen Interesses ("digitalen Spiegelkabinetts") stehen und  "Person of the Year: You
Yes, you."
werden.

Klaus Eck