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17. Nachgebloggt: Kai Tietjen zu Mister Wong

Im März 2006 ist das Social Bookmarking-Portal Mister Wong von der Werbe- und Onlineagentur  construktiv ins Leben gerufen worden. Grund genug nachzufragen, warum wir eine deutsche Lösung für das Social Bookmarking benötigen. construktiv-Geschäftsführer Kai Tietjen (35) stellte sich den Fragen. Nächste Woche ist Mister Wong auch auf den Nextperts in München vertreten.

>> Welche Bedeutung hat eigentlich das Social Bookmarking für Unternehmen? Welchen Mehrwert erhalten die Nutzer?

Kaitietjen
Social Bookmarking Portale sind Informationsquellen und Wissensspeicher zugleich. Richtig genutzt bietet Mister Wong Unternehmen eine sehr gute Unterstützung durch die Gruppen-Funktion. Es ist möglich, eine geschlossene Gruppe anzulegen, die niemand außer den eingeladenen Mitgliedern der Gruppe einsehen kann. Wir selber nutzen für unsere Agentur eine Gruppe, in welcher wir interessante Links – mittlerweile einige hundert – nach Tags geordnet ablegen. Zudem kann die Qualität der Links von den Mitgliedern der Gruppe durch eine einfach zu nutzende Voting-Funktion beurteilt werden. Es kommen somit viele gute Seiten der Kollegen zusammen und man fokussiert auf die wichtigen und als qualifiziert eingestuften Seiten – so kann das Know-how der Organisation stets auf der Höhe der Zeit gehalten werden.

Der Mehrwert liegt dabei eindeutig in der Erreichbarkeit: An jedem Ort habe ich Zugriff auf meine Bookmarks und kann in den Links der Community nach neuen interessanten Seiten schauen. In meinem letzten Urlaub konnte ich so zum Beispiel im Internet-Café auf alle meine Favoriten zugreifen und war auch ziemlich froh darüber.

>> Wie kann man Social Bookmarks zu Recherchezwecken einsetzen?

Zum einen natürlich durch das praktische Ablegen von Webseiten, die man mal kurz in einer Webrecherche angesurft hat und sie sich für später merken will, die man dann am besten als „privat“ speichert – muss ja niemand wissen an welchem Thema man gerade dran ist. Für Journalisten und Blogger ist zudem die Suche in Social Bookmarking Portalen interessant, da hier sehr früh Seiten Eingang finden, die gerade populär werden. Für einige Themen kann Social Bookmarking also auch eine Art „Trendbarometer“ sein.

>> Was unterscheidet Mister Wong von herkömmlichen Social Bookmarking Tools wie z.B. del.icio.us, digg oder Furl?

Im Begriff Social Bookmarking steckt ja das Wort „social“ – also eine soziale Komponente – die auch eine gesellschaftliche ist. Gesellschaften konstituieren sich über Sprache, deswegen ist es für viele wichtig, dass Mister Wong auf deutsch gehalten ist. Aber natürlich sind für Gesellschaften auch gemeinsame kulturelle Erfahrungen und Identitäten wichtig, beispielsweise ist der Musikgeschmack in Deutschland ganz anders als in Amerika, auch wird über andere Witze gelacht und so weiter.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Benutzeroberfläche und Usability. Wir haben bei Mister Wong darauf geachtet, dass der Service möglichst einfach zu verstehen ist und so auch von Menschen genutzt werden kann, die sich nicht bereits vorzüglich mit Web 2.0 auskennen. Das ist auch einer meiner Hauptkritikpunkte an del.icio.us, deren Benutzeroberfläche ich sehr schwer verständlich und nur wenig intuitiv finde – abgesehen von den Ressourcenproblemen die sie offensichtlich haben und die wohl teilweise zu den schlechten Antwortzeiten führen.

Nebenbei bin ich auch nicht begeistert davon, dass Yahoo del.icio.us gekauft hat. Wir leben im Informationszeitalter – und der Zugang zur Information erfolgt weltweit zu über neunzig Prozent durch zwei große Konzerne: Google und Yahoo. Das beide nun alles aufkaufen, was nicht bei drei auf’m Baum ist – das ist mittelfristig sicher nicht gut…

>> Wie kommt man als deutsches Unternehmen auf den Namen Mister Wong? Was soll dieser ausdrücken?

Mister Wong soll das Social Bookmarking im wahrsten Sinne des Wortes menschlicher machen. Viele Web 2.0 Angebote wie del.icio.us oder reddit haben eine total minimalistische textbasierte Oberfläche – aber warum soll Web 2.0 denn nicht auch nett und freundlich daher kommen und auch dem Auge Spaß machen? Deswegen sind wir etwas bunter und haben eine emotionale Figur geschaffen.

>> Wie ist die Resonanz von dem neuen Social-Software-Dienst Mister Wong in Deutschland?

Für den Start sind wir sehr zufrieden, wenn man bedenkt, dass wir erst Anfang März 2006 gestartet sind und die Nutzer schon an die 40.000 Bookmarks abgelegt haben. Die Resonanz in den Medien ist ebenfalls sehr gut. Viele Online-Portale wie das handelsblatt.com oder heute.de haben bereits berichtet. Und sogar die beiden Nachrichtenagenturen AP und DPA haben eine Meldung über Mister Wong und das aufziehende Thema des Social Bookmarking gebracht. Einige Blogs tragen sogar schon den Wong-Button oder nutzen andere Plug-ins für WordPress und erzielen dadurch natürlich erhöhte Besucherzahlen für Ihre Sites.

>> Welche internationalen Trends gibt es im Social Bookmarking Ihrer Meinung nach?

Das ist derzeit noch zu früh zu bestimmen. Es gibt eine Reihe von Portalen und alle haben die ein oder andere Funktion, die die anderen noch nicht haben. Der größte Trend ist momentan mehr der Meta-Trend zum Social Bookmarking überhaupt. Die Bedeutung für die Verwaltung und Beschaffung von Informationen und das Aufspüren interessanter Sites wird von immer mehr Menschen erkannt und genutzt – und das weltweit. In meinem Team ist eine chinesische Mitarbeiterin, die berichtet, dass in China sehr viel gebloggt wird und auch das Thema Web 2.0 eine immer größere Rolle spielt.

>> Wie soll Mister Wong im nächsten Jahr aussehen? Welche Services sind bereits in Planung?

Am stärksten interessiert uns die Möglichkeit bei steigender Zahl von Usern und öffentlich gespeicherter Bookmarks neue Funktionen zu schaffen, die einen verstärkten Mehrwert für die Nutzer liefern. Das Fachwort dafür ist wohl die Emergenz sozialer Software. So ist es uns bei nunmehr knapp 40.000 Bookmarks möglich geworden, einen hervorragenden Algorithmus aufzufinden, mit welchem wir zu jedem Bookmark ähnliche interessante Seiten anzeigen können. Aktuell arbeiten wir an einigen weiteren, wirklich schönen Funktionen, die teilweise ziemlich mathematisch und komplex sind. Manchmal raucht mir und Vivian, dem Head of Code bei Wong, ganz schön der Kopf davon 😉 Dass ich mich auf einmal mit Korrelationskoeffizienten und solchen Dingen, die mir im Studium verhasst waren, beschäftige, hätte ich auch nicht gedacht. Aber ich muss sagen: Auf einmal macht das richtig Spaß weil man sieht, dass coole Sachen dabei rauskommen :).

Klaus Eck