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Der Horror der Kommunikatoren – Mitarbeiter watchbloggen

Naked conversations live: Der GHP-Express ist die Art Weblog, vor dem uns alle Blog-Skeptiker gewarnt haben und die schon immer ein diffuses Horrorgefühl im Bauch hatten. Die Bamberger GHP-Gruppe ist auf Direktmarketing spezialisiert und soll in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Das jedenfalls behaupten Blogger im GHP-Express, einem anonymen Watchblog, in dem (ehemalige) Mitarbeiter über ihren Arbeitgeber berichten – und auch oft lamentieren. GHP hat also offensichtlich Kommunikationsprobleme.

Liest man die Beiträge des bereits seit Dezember 2005 bestehenden Blogs, scheinen diese Kommunikationsprobleme nicht ganz neu zu sein: "Ich informiere mich hier regelmäßig, weil ich von meinem Arbeitgeber keine Informationen bekomme", schreibt Anonymous und zeigt das Kommunikationsproblem auf, mit dem heute jedes Unternehmen und jeder Verein konfrontiert sein können: Funktioniert die Informations- oder besser: Kommunikationspolitik der Organisation nicht, so finden Information trotzdem ihren Weg. Gerade in Krisenzeiten bewirkt eine restriktive Politik eher das Gegenteil: Erzwungene Transparenz.

Dass dies nicht ohne Risiken ist, wird auch im GHP-Express diskutiert: Ist ein Watchblog von Mitarbeitern, die ihr Unternehmen kritisieren, legitim? Schaden sie dem angeschlagenen Arbeitgeber nicht noch mehr? Und damit sich selbst? Werden Geschäftsgeheimnisse preisgegeben? Ist ein Weblog, in dem über aktuelle Aufträge des Arbeitgebers und den Führungsstil des Vorstandes diskutiert wird, geschäftsschädigend? Stoff für viele berechtigte Diskussionen.

 

Doch unabhängig vom aktuellen Beispiel: "Das alles ist sehr
bedrohlich", werden nun viele Kritiker der aktuellen Diskussion rund um
Blogs feststellen. Sie haben Recht. Doch das Rad lässt sich nicht
zurückdrehen: Es gibt nun einmal Weblogs für jedermensch. Also ist es
die Pflicht von Kommunikationsprofis, damit umzugehen, und zwar ohne
die Autoren eines Blogs zu beschimpfen. Mit der Situation umzugehen, ist keine leichte Aufgabe. Doch ein paar Faustregeln können vielleicht hilfreich sein:

  • Je schlechter sich Mitarbeiter informiert fühlen, desto mehr
    Chancen haben Gerüchte und alternative Kommunikationskanäle (zu denen
    auch ein anonymes Mitarbeiter-Blog gehört).
  • Je schlechter sich Mitarbeiter behandelt fühlen, desto eher sind
    sie bereit, schlecht über ihren Arbeitgeber zu reden. Indirekt erzwingt
    Social Software vielleicht an manchen Stellen ein leichtes Überdenken
    des Führungsstils. Zumindest des Leitbildes. GHP positioniert sich
    übrigens mit dem Slogan "GHP… is dialog" (das pseudo-englisch stammt nicht von mir).
  • Je weniger ein Unternehmen in seinem Umfeld akzeptiert wird, desto
    größer ist die Gefahr, dass sich auch externe Bezugsgruppen kritisch zu
    einer Firma äußern – bis hin zur Androhung eines Boykotts.

So weit kommt es sicher nur in den seltensten Fällen. Dennoch zeigen
die genannten Punkte, dass sich ein Kommunikationsproblem in vielen
Fällen ganz langsam aufbaut. Und je länger es sich aufbaut, desto
schwieriger wird es, damit umzugehen. Kommunikationsleute sollten dies
frühzeitig erkennen. Doch oft haben sie ein zusätzliches Problem: Sie
können nur Kommunikationsprobleme lösen (wenn der Chef sie denn lässt).
Fragen des Verhaltens einer Organisation – etwa der Führung – werden
meist als eine andere Baustelle wahrgenommen.

In der Systemtheorie gibt es das Konzept der Grenzstelle. Ihre
Inhaber stehen mit einem Bein in der Organisation, mit dem anderen
außerhalb. PR-Leute sollten sich als Grenzstellen-Inhaber verstehen und
dem Management den Spiegel der Umwelten vorhalten: Was wird draußen
erwartet, was erwarten unsere Mitarbeiter? Und das Kommunizieren von
der Organisation nach außen ist plötzlich nur noch ein Teil des
PR-Jobs. Was für ein Wandel weg vom klassischen Pressesprecher. Dumm
nur, dass viele Unternehmen nach wie vor nur Pressesprecher suchen, die
dann mit immer tolleren Presseinfos ihr Unternehmen ins Handelsblatt bringen sollen.

>> Basic Thinking: Blogs von (Ex-)Mitarbeitern einer vom Konkurs bedrohten Firma

Prof. Dr. Thomas Pleil