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Von Matt, Potemkin und der unendlichen Leere IV

Die ehrliche Reaktion von Jean Rémy von Matt, die ein freundlicher Mensch an die Öffentlichkeit gebracht hat, läst vermuten, dass die Nerven blank lagen. Machen ihm doch ein paar kritische Journalisten und Blogger, für die diese Kampagne ja gar nicht gedacht ist, sein teures Spielzeug madig, auf das er und so viele Entscheider in der Medienwelt stolz sind. Alles Menschen, die wissen, wie man die da unten perfekt motiviert.

Teure Werbelyrik, verkündet mit Halb-, Möchtegern- und einigen Vollpromis, nicht zu vergessen die Alibiputzfrau, soll aus uns Deutschen Aufbrecher machen. Und wer nicht mitmacht … oder gar die Stimmung versaut … ja, da haben sie wie so oft Werbeperlen vor die Säue geworfen. Der Intellekt bei vielen Schlaumeiern bremst doch glatt den Emotionsschaum der Kampagne, löst ihn auf und stößt auf nichts als Leere. Haben die emotionslosen No-Eggs nicht erkannt, dass dies eine Mitmach- und Mitdenk-Kampagne ist, die Leere Absicht? Dass der Slogan "Du bist Deutschland" eigentlich eine Motivationskeule ist. Hat man sich erst damit auseinander gesetzt, schlägt der Slogan direkt ins Großhirn ein – und löst … was? Naja, da sind halt viele geteilter Meinung.

Na ja, vielleicht ist es auch ganz anders gelaufen. Angestochen und trunken von kreativen Ideen, von der Botschaft Deutschland samt der Deutschen radikal zu verändern, hat man seine Hausaufgaben nicht gemacht und geprüft, wie die Weihrauch-geschwängerte DbD-Idee unten ankommt? Die Entschuldigung von Jean Rémy von Matt zeigt zwar, dass er zu kommunikativen Formen in der Öffentlichkeit zurück gefunden hat – aber steckt dahinter auch ein Gesinnungswandel. Ist sie Entschuldigung authentisch, echt, ehrlich?

Denn genau dies ist das Problem mit der DbD-Kampagne, die mich an eine russische PR-Aktion erinnert, die einst Herr Potemkin für Kathatrina die Große entwickelt hat. Hinter dem Glanz schöner Dörfer, die er der Kaiserin präsentierte, war nichts. Alles war nur Kulisse, Hohl, Camuflage. Potemkinsche Dörfer.

Die DbD-Kampagne wirkt auf mich ähnlich. Vielleicht geht sie als Potemkinsche Werbung in die Geschichte ein. Ihr fehlt das authentische, einen Mangel, den man bei Käse- oder Waschmittelwerbung hinnimmt. Die DbD-Werbung ist weder unterhaltsam noch intelligent, eher möchtegern und bedeutungsschwanger, ohne zu gebähren.

Nach langem Anlauf nun meine eigentliche Vermutung, warum Jean Rémy von Matt so sauer auf Blogs reagiert hat: Blogs sind in hohem Maß authentisch, weil dahinter Menschen stehen und dafür stehen, was sie sagen. Und diese DbD-Werbung? Wie authentisch ist die? Mal ehrlich.

Schade um das Thema. Warum nicht mit Kameras und Recorder raus zur
frustrierten Basis, zu den Bremsern, zu den Menschen, die den Wandel
der Gesellschaft nicht packen, aber die wir dazu brauchen? Verlasst
Eure Kreise, nehmt auf, was die Menschen stört, verstört und zerstört,
was sie betroffen macht. Zeigt es. Werft es ihnen wegen mir vor, reißt
sie aus ihrer Lethargie, wagt es bei solchen Themen radikal zu sein,
stellt Euch auch selbst. Setzt eine ernsthafte Diskussion in Gang. Ohne
Floskeln, Light-Philosphie oder Readers Digest-Lyrik. Vergesst Werbung,
entdeckt die Wirklichkeit.

Was bleibt von DBD? Mehr als ein läppisches Geplänkel über eine
geschmäcklerische Kampagne und einen eingeschnappten Werber?
Interessanterweise wird dies bei vielen mehr wahr genommen als die
Kampagne. Warum? Weil das authentisch und echt ist. Werbung darf das in
Öko Zeiten übrigens auch sein, auch ohne Bio-Zertifizierung.

Ansonsten besteht weiterhin die Gefahr, dass die Leere hinter dem
Weihrauchnebel besonders bedeutungsschwanger daherkommenden Kampagnen
durch Blogs gefüllt wird.
Und darüber sollten Werber und Werbetreibende froh sein – sie kriegen
direkte Reaktionen statt blutleerer Mafo. Und noch was. Sie werden
ernst genommen.

>> PR Blogger: Jean-Remy von Matt & Krisenkommunikation III
>> PR Blogger: Jean-Remy von Matts virale Antwort auf die Bloggerkritik II
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Roland Keller