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Verlieren Journalisten ihren Vertrauensvorsprung?

Für den Journalismus ist das Internet in gewisser Weise gefährlich, weil es seine bisherige Rolle in Frage stellt und mit seinen eigenen Schwächen konfrontiert. Wer einfach nur Copy-and-Paste-Journalismus betreibt, wird dank Google und anderer Suchmaschinen sehr schnell entlarvt. In den dezidierten Watchblogs und vielen normalen Blogs begutachten Leser die journalistische Qualität ihrer Lektüre viel detailfreudiger, als die Redaktionen dieses früher von Leserbriefen gewohnt waren. Plötzlich können auch Journalisten an den Pranger gestellt werden. Das ist natürlich eine ungewohnte Rolle. Hierbei ist das Bildblog nur das bekannteste Beispiel.

Das kann im Einzelnen schnell fatale Folgen haben. Im vergangenen Jahr verlor Dan Rather seinen Posten bei dem US-Sender CBS, weil er mitten im US-Wahlkampf gefälschte Dokumente über den Militärdienst von US-Präsident Bush präsentiert hatte. Blogger waren ihm dabei auf die Schliche gekommen. Erst nachdem die Fälschungen nicht mehr zu leugnen waren, entschuldigte sich CBS News damit, getäuscht worden zu sein.

Wenn in den Redaktionen keine Zeit mehr für die Recherche vorhanden ist, wird das Risiko groß, dabei ertappt zu werden. Erst vor kurzem hat Alexander Svensson in seinem Wortfeld-Blog daraufhin gewiesen, dass die Fakten in einem Spiegel-Artikel über die Washington Post und ihre Blogpolitik nicht mit der Wahrheit übereinstimmen. Obwohl die US-Zeitung nur die Kommentare in einem Weblog der Herausgeber geschlossen hat, heißt es auf Spiegel Online, das Blog-Experiment mit den Lesern sei gescheitert. Dabei gibt es aktuell noch 19 Weblogs unter dem Dach der Zeitung.

In einem weiteren Beitrag zu den Washington-Post-Blogs geht er auf die Fehldarstellungen auch im Tagesspiegel ein, die letztlich die Fakten nochmals verdrehen: "Und schließlich wiederholt von Marschall die falsche Darstellung bei Spiegel Online: “Daraufhin schloss die ‘Washington Post’ diesen Blog.” In dem Artikel fliegen die Begriffe fröhlich durcheinander: Mal steht “Blog” für einen Kommentar, mal steht “Blog” für einen Blogeintrag, mal für ein Weblog; an anderer Stelle heißen Weblogs “Blog-Foren”." (Wortfeld)

Interessant ist die seltsame Schlussfolgerung des Tagesspiegel-Artikels: "Insgesamt haben die USA eine erste euphorische Phase des Bloggens offenbar hinter sich. Vor zwei Jahren galten Blogs als neue Medienform mit fast unbegrenzten Wachstumsmöglichkeiten. In Analysen aus jüngerer
Zeit heißt es, ihre Bedeutung werde weit überschätzt. Für Blogs interessiere sich nur eine kleine Gemeinde, die durch hohe Aktivität, Geltungsbedürfnis und gegenseitige Verweise aufeinander größer erscheine, als sie sei. Sie habe kaum Einfluss über ihre Mitglieder hinaus."

Bei den Analysen kann es sich eigentlich nur um die deutsche W3B-Studie handeln,
auf die zahlreiche deutsche Journalisten verwiesen und die Behauptung
daraus abgeleitet haben, dass die Bedeutung der Blogs überschätzt
werde. Bislang ist mir hingegen keine US-Studie bekannt, die das Fazit
des Artikels stützt. Leider gibt es auch keine Quellenhinweise. Etwas
dünn wirkt die Argumentation, die auf zwei Fälle eingeht, die sich
sogar leicht widerlegen lassen.

Wenke Husmann geht in einem
Zeit-Artikel "Mit doppeltem Netz" auf die Veränderungen im Journalismus
ein, die mit der Verbreitung der Blogs einhergehen: Dabei endet der
Text für Journalisten sehr optimistisch: "Die schiere Masse der
Informationen macht das Sichten, Verweisen und
Einordnen immer wichtiger. Deswegen hat Orientierung gebender
Journalismus Zukunft – im Internet ebenso wie in den klassischen
Medien." (Die Zeit – Leben : Mit doppeltem Netz)
Doch "im Wettbewerb um das Vertrauen der Leser" stehen nicht allein die
Online-Medien und Print, sondern auch die "Laienjournalisten" mit den
Professionals in den Medien.

>> Tagesspiegel: Forum der Flüche
>> Washington Post Statement
>> Wortfeld: Blogs gescheitert, weitermachen: Spiegel Online über angebliche Blog-Schließungen
>> PR Blogger: Marks: Watchblogs lassen sich nicht totschweigen
>> PR Blogger: Die Macht der Medien wird in Frage gestellt

Klaus Eck, econcon