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Der Aufmerksamkeitsfalle der Social Media Welt entgehen

Für viele Menschen gehört Social Media in seinen verschiedenen Ausprägungen zu einer neuen Normalität ganz selbstverständlich dazu. Die meisten Onliner sind eng verbunden mit ihren Facebook- und Twitter-Aktivitäten. Irgendwie sind die digitalen Äußerungen ein Teil unserer Identität geworden. Doch die digitale Welt fordert einen hohen Preis, der uns nicht immer bewusst ist.

Unsere Zeit ist uns kostbar, dennoch verschwenden wir sie immer wieder gerne. Nicht anders gehen wir mit der Aufmerksamkeit um. Wir wertschätzen sie wenig. Deshalb schwindet sie beinahe jede Minute, in der wir uns zu fokussieren wollen. Denn die medialen Ablenkungen sind übermächtig.

Die Aufmerksamkeit, die wir einer Sache widmen, hat großen Einfluss auf unsere Identität. Sie bestimmt, wer wir sind und welche Erfahrungen wir machen und wie wir letztlich unser Leben führen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit richtig nutzen, können wir unser Leben ein wenig besser kontrollieren.

Zusammenfassung:

Social Media gehören für uns zur Normalität. Doch die digitale Welt hat einen hohen Preis: Unsere Aufmerksamkeit. In diesem Beitrag erwarten dich folgende Aspekte:

  • Die Ablenkung durch Twitter & Co. ist Teil unseres Alltags geworden.
  • Inhalte im Social Web buhlen um unsere Aufmerksamkeit und lassen uns so das Wesentliche aus dem Blick verlieren.
  • Aufmerksamkeit muss bewusst gesteuert werden. Wer klare Prioritäten und Ziele verfolgt, kann seine Aufmerksamkeit leichter stabilisieren. Das gelingt uns mithilfe von einfachen und effektiven Ansätzen.
  • In unserem Social Media Konsum agieren wir mehr interpassiv als interaktiv.
  • Statt sich auf Momentaufnahmen einzulassen, sollten man sich wieder auf kuratierte Inhalte von Influencern und Redakteuren konzentrieren.
  • Wer die Mechanismen, die uns ablenken, begreift, kann mit der Ressource Aufmerksamkeit besser umgehen. Die richtige Auswahl von Abonnements kann dabei helfen.

Wir prokrastinieren uns auf Twitter zu Tode

Wenn wir morgens als erstes online gehen, interessieren wir uns für die neuesten Nachrichten. Dazu müssen wir uns nur unsere Newsstreams ansehen. Die Ablenkung ist längst Teil unseres Alltags geworden. Es geht gar nicht mehr darum, ob wir uns News anschauen, sondern eher wo und welche. Wir möchten ihnen vielleicht gar nicht mehr folgen, aber können diese Entscheidung nicht umsetzen.

Es gibt unendlich viele Informationen, darunter oft Langweiliges, aber eben auch genügend Spannendes. Zu mannigfaltig ist unser selbst gebautes digitales Paradies geworden. An jeder Stelle lauert eine neue Überraschung, die bei uns Endorphine ausschüttet.

Unsere Begeisterung für das Neue verführt uns stets auf ein Leichtes. In Sekundenbruchteilen locken uns neue Tweets ins digitale Universum. Die News prasseln auf uns ein. Noch während wir sie lesen, liken und retweeten haben wir sie schon beinahe wieder vergessen. Die Halbwertszeit eines öffentlichen Tweets soll bei rund 18 Minuten liegen. Doch so lange können wir uns nicht einmal an unsere eigenen Ideen erinnern.

Der digitale Verlust an Lebenszeit

Wer sich auf seinen persönlichen Newsfeed einlässt, erhält ein Informationsmenü, das andere für uns zusammengestellt haben. Auf Twitter können wir anderen folgen und hoffen, dass deren Botschaften einigermaßen konsistent sind. Doch wir können nie wissen, ob unsere Erwartungen erfüllt werden.

Andere kuratieren und verfassen Tweets nach ihrer persönlichen Fasson. In meinem Twitter-Stream gibt es sehr viel Neues zu entdecken, darunter ist viel Unwichtiges mit einigermaßen Relevantem gemischt. Jeder Tweet buhlt um meine Aufmerksamkeit. Wir erhalten viele banale, manchmal aber auch sehr spannende Geschichten.

Rolf Dobelli warnt in seinem Buch „Die Kunst des guten Lebens“ davor, dass diese Angebote „keine Geschenke, sondern Raubtaten, keine Gewinne, sondern Verluste, keine Gaben, sondern Entnahmen“ seien. Wir bezahlen damit mit unserer Aufmerksamkeit. Dabei vergessen wir oftmals, dass sich Aufmerksamkeit nicht teilen lässt. Wenn wir uns unseren Social Media Softnews auf Facebook und Twitter widmen, können wir in der Zeit keinem Menschen unsere persönliche Zeit schenken.

Zeit

Niemand ist gelernter Informationsmanager in eigener Sache

Den Umgang mit der Informationswelt haben wir nie bewusst gelernt. Unsere Reizbarkeit ist uns evolutionär mitgegeben worden, um uns vor Tieren zu schützen. So richtig einfach kann niemand mit dem Internet umgehen, auch kein Digital Native. Die Aufmerksamkeit in der Digitalwelt zu fokussieren bedarf einer gewissen Zeit und Übung. „Jeder Moment kommt nur einmal. Wer seine Aufmerksamkeit bewusst einsetzt, hat mehr vom Leben.“ (Rolf Dobelli)

Wer seine Aufmerksamkeit selbst bewusst steuert, lernt es, Ablenkungen zu vermeiden. So fällt es mir wesentlich leichter, einen Text zu verfassen, wenn ich direkt an ihm arbeite, Wort für Wort entwickle und daraus langsam eine Idee entstehen lasse.

Konzentration braucht ihre Zeit

Je länger ich schreibe, desto eher gerate ich in einen Flow, der das Schreiben selbst ganz leicht werden lässt. Ich bin dabei wesentlich fokussierter, als wenn ich immer mal wieder auf Twitter, Facebook und co. abschweife. Social Media ist ein äußerer Störfaktor, der uns davon abhält, uns auf ein Ziel zu konzentrieren. Im Newsfeed können wir uns leicht verlieren, gut formulierte Sätze und schöne Bilder ziehen uns wie ein Fliegengitter an und machen uns oft genug geradezu willenlos. Wir reagieren gerne auf das Süße, welches uns anzieht, und verlieren jegliche Aufmerksamkeit. Statt bewusst zu agieren und geplante Dinge zu erledigen, prokrastinieren wir viel lieber.

Wer klare Prioritäten und Ziele verfolgt, tut sich leichter damit, seine Aufmerksamkeit zu stabilisieren. Auf diese Weise können wir selbst auswählen, was wir tun wollen und uns auf wirklich wichtige Dinge konzentrieren, die es uns wert sind, dafür unsere Aufmerksamkeit und Lebenszeit zu opfern.

Wie wir aufmerksam bleiben

In unserem Alltag reagieren wir viel zu sehr auf digitale Anforderungen. So verbringen wir viel Zeit mit Meetings und dem Lesen und Beantworten von E-Mails. Diese klassischen Zeitfresser lehnen viele Wissensarbeiter massiv ab.

Wenn wir nur noch reagieren, können wir gar nicht die Erfahrungen im Beruflichen wie im Privaten machen, die wir eigentlich bevorzugen würden. Stattdessen spielen wir lieber den Feuerwehrmann.

Warum entscheiden wir nicht, welche Erfahrungen wir im Digitalen bewusst machen wollen, statt es dem Zufall eines Feeds zu überlassen? Es macht eigentlich eine viel größere Freude, gestaltend Einfluss auf das eigene Leben zu nehmen.

Es gibt durchaus einfache und effektive Ansätze, mit deren Hilfe wir unsere Aufmerksamkeit nicht zufällig verlieren. Verzichte auf Push Notifications und stellen sie diese lieber ab. Sie greifen unsere Aufmerksamkeit direkt an und sind ein immenser Störfaktor, die unsere Selbstbestimmtheit enorm einschränken und uns fernsteuern.

  1. Stelle dein Handy auf lautlos, wenn du ungestört arbeiten willst.
  2. Schließe deine Bürotür oder setze im Open Space deine Kopfhörer auf, wenn du konzentriert arbeiten willst.
  3. Klare Regeln für das soziale Umfeld erleichtern es, die Konzentration aufrechtzuerhalten.
  4. Antworte nicht sofort auf Messenger-Anfragen oder E-Mails, wenn du vorher eine Aufgabe abschließen kannst.
  5. Konzentriere dich auf einen Screen und wechsle nicht ständig von deiner Arbeit zum Newsfeed, der Neues verspricht.
  6. Entdeckst du einen spannenden Online-Artikel, liest du diesen nicht direkt, sondern setzt nur einen Bookmark. Lesen kannst du die Beiträge, wenn du diese für deine Arbeit wirklich benötigst oder zu einer festgelegten Lesezeit.
  7. Nehme dir bewusst digitale Auszeiten von einer Stunde und mehr, um keiner Social Ablenkung zu frönen.
  8. Lass dich nicht von deinen eigenen Gedanken ablenken, notiere dir eine Idee, aber bleibe bei deinem aktuellen Fokus-Thema. Multitasking ist eine Illusion, sie funktioniert nicht.
  9. Lese nicht jeden Newsletter: Wenn ich wenig Zeit habe, überfliege ich die Newsletter nicht einmal, sondern lösche sie ungelesen. Meine E-Mails wandern unmittelbar in meine To-Do-Listen auf Todoist. Interne E-Mails haben wir in meiner Agentur d.Tales durch Slack stark reduziert, sodass ich an vielen Tagen tatsächlich eine leere Mailbox erhalte.
  10. Informationen müssen nicht sofort gelesen werden. Sie lassen sich sehr gut taggen und als Bookmark auf Pocket oder Refind ablegen.

Die neuen Couchpotatoes sind in den Social Media unterwegs

Tweets und Facebook Impressionen sind das neue Fastfood, nur ernährt es unsere Seelen nicht wirklich. Es gaukelt uns etwas Nahrhaftes und Tiefes vor. Doch erst wenn wir hinter dem Link eines Tweets blicken, erhalten wir zumeist die wahre Geistesnahrung. Dummerweise klickt nur noch eine absolute Minderheit hinter den Links.

Das Interesse liegt alleine auf der marginalen Oberfläche, die uns durch schillernde Bilder und manchmal auch Videos vom Hocker unseres Gedankens haut. Vergessen ist unser Ziel. Es macht Freude, Tweet für Tweet kontextlos zu folgen. Den Sinn hatte es vielleicht noch beim Start, doch nach wenigen Sekunden übernimmt der Automodus, der uns in die digitale Gedankenlosigkeit führt.

Wir werden interpassiv und schauen zu

In gewisser Weise erinnert das Betrachten des Newsfeeds an das Fernsehen. Wir schauen uns an, was uns auf Facebook, Instagram, Pinterest, Youtube und Twitter angeboten wird. Immer seltener werden wir aktiv und reagieren auf die Content-Angebote.

Statt auf die einzelnen Content-Häppchen zu reagieren, schauen wir passiv zu, was Bekannte, Experten, Influencer oder gar Trolle uns mitteilen. Aus der Interaktivität wird eine Interpassivität, die sich oft nicht wirklich gut anfühlt, weil wir sehen können, welche bereichernden Erfahrungen andere machen, während wir zuschauen.

Die Netzwerke hindern uns daran, etwas Kreatives zu schaffen. Stattdessen blinzeln wir nur noch angesichts der Fülle an Information, die wir niemals bewältigen können. Unsere Rezeptoren zucken, aber lassen alles nur so durchrauschen. Die Informationen verlieren ihre Sinnhaftigkeit. Wirklich wichtig sind die News nicht.

Dennoch bleiben wir oftmals dabei, weil wir glauben, dass jeder dabei ist und wir den Anschluss verlieren könnten. Auf soziale Informationen wollen wir nicht verzichten, lieber erfahren wir, womit sich unsere Freunde und Bekannte gerade beschäftigen.

Ich kann mir deshalb nicht mehr vorstellen, jemals die Social Media Plattformen zu verlassen. Als Content Marketing Berater ist es aus professioneller Sicht ohnehin außerhalb meiner persönlichen Vorstellungskraft. Dazu ist mein Leben längst viel zu sehr mit dem Digitalen verwoben. Ich bin gefangen in meiner Social-Media-Architektur – und fühle mich – trotz gewisser Bedenken – sogar wohl dabei.

Warum du mehr Blogs lesen solltest

Statt uns auf die Momentaufnahmen einzulassen, sollten wir uns lieber auf die kuratierte Fassung von Influencer oder Redakteuren verlassen, die in ihrem Content-Stück alles Wesentliche berichten. Deshalb lohnt es sich, Blogs zu lesen und Podcasts zu hören, die uns die (Branchen-)Welt erklären.

Live müssen wir nicht dabei sein, so sehr es uns auch mitnimmt. Noch während ich diesen Text verfasse, entstehenden Myriaden von kleinen Content-Einheiten, die über Twitter, Facebook, YouTube, Instagram, Snapchat und co. augenblicklich verteilt werden. Ich verpasse gerade viel und das ist gut so.

Selbst du als Leser wirst derzeit von mir abgehalten, in den Newsstream einzutauchen. Dafür erhältst du von mir eine gewisse logische Struktur, die sich in diesem Text niederschlägt. Sie bildet einen Kontext und bietet darüber eine gewisse Orientierung.

Lost in Streams

Ganz anders ist das im Newsstream. Nichts scheint aufeinander einzuzahlen. Menschen teilen sich auf unterschiedlichem Niveau mit. Nicht immer haben sie ein Interesse daran, ihren Lesern einen Mehrwert mitzugeben. Oft bilden sie darüber nur ihren Lebensalltag ab. Bei einzelnen klingt es beinahe nach einer gewissen Einsamkeit, die erst durch das Liken und unser aller Engagement aufgelöst werden kann.

Es werden zahlreiche Digital-Detox-Kurse angeboten, die uns deshalb von unseren Ablenkungen befreien wollen. Ob eine digitale Enthaltsamkeit, die wir in diesen Selbstbeherrschungskursen lernen, wirklich eine probate Lösung verspricht, wage ich jedoch zu bezweifeln. Schließlich möchte ich mich nicht von der digitalen Arbeit und Freizeit abwenden müssen, die zu meinem sozialen Alltag ganz selbstverständlich dazugehört.

Das Internet wird nicht einfach verschwinden. Deshalb müssen wir uns mit den Mechanismen vertraut machen, die uns von uns selbst ablenken und in eine Interpassivität führen, die uns davon abhält, auch im Digitalen kreativ und partizipativ zu leben.

Allerdings geht es bei alledem um unsere individuelle Aufmerksamkeit. Deshalb sollte ich alleine darüber entscheiden, wie ich mit dieser wichtiger Ressource umgehe: Meine Aufmerksamkeit ist zu wertvoll, um sie einem zufälligen Newsstream zu überlassen.

Persönliche Strategien für die Informationsbewältigung sind notwendig

Wer sich von dem Neuen nicht überwältigen lassen will, sollte ganz persönliche Strategien entwickeln, um mit den neuen Medienerfahrungen umzugehen. Diesen kann ich nicht ausweichen, aber mein Verhalten aber sehr wohl trainieren und dadurch das für mich Richtige tun. Hierbei kommt es oftmals auf die richtige Auswahl der Abonnements an.

Wem folge und welchen Inhalten folge ich? Was ist wirklich eine lebenswichtige Information für mich? Oft ist weniger mehr. Unsere Aufmerksamkeit ist wie ein Muskel, den wir ständig im Blick haben und trainieren sollten. Ansonsten lassen wir uns in die digitale Aufmerksamkeitsfalle gleiten und von zahllosen News einlullen.

Unsere unablässige Suche nach dem unerwarteten Neuen führt zu einem „widersprüchlichen Gefühl der Wiederholung“, meint Geert Lovink in seinem lesenswerten Artikel „Epidemie der Ablenkung“ in Lettre International Nr. 120 (2018). „Schon sehnen wir uns nach der nächsten Welle von Störungen, aber wir spüren auch, dass wir nicht in der Lage sind, unser eigenes Verhalten zu stören.“

Wir bleiben in der Aufmerksamkeitsfalle, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Wie Dopamin-Süchtige ergeben wir in uns in unser Schicksal als digitale Tagträumer. Es lohnt sich aus diesem Kreislauf auszubrechen und selbst aktiv am Internet mit hochwertigem Content mitzuwirken.

 

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