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re:publica 2018 – in Farbe, aber ohne Bund

Auf der re:publica gab es – wie jedes Jahr – unzählig spannende Vorträge und Begegnungen, über die viel diskutiert werden könnte. Trotzdem bestimmte (neben dem Bällebad) eine Begegnung der etwas anderen Art nicht nur viele Gespräche auf der re:publica selbst, sondern auch die Kommunikation in sozialen Netzen und den „klassischen“ Medien. Die Bundeswehr fühlte sich ausgeschlossen, ausgegrenzt und einfach schlecht behandelt und marschierte deswegen vor dem Gelände mit einem LKW und Offizieren in Flecktarn auf und verteilte Flyer.

Kein Bundeswehr-Stand auf der re:publica

Grund dafür war, dass die Macher der re:publica der Bundeswehr im Vorhinein einen Stand verwehrten. Auf diesem Stand wollte die Bundeswehr zum einen „über das Engagement der Truppe im Bereich Cyber und Digitalisierung informieren und zum anderen sich als attraktiver Arbeitgeber in einem IT-affinen Umfeld […] präsentieren“. Einen Recruiting-Stand in Uniform kam für das Orga-Team der re:publica nicht in Frage, ein Auftritt ohne Uniform auf Diskussionspanels oder ähnliches für die Bundeswehr nicht.

Zu bunt gehört auch grün

Diese Absage wollte die Bundeswehr scheinbar so nicht auf sich sitzen lassen, dass sie die oben erwähnte Form des Protests wählte. Neben dem LKW mit der großen Aufschrift „Zu bunt gehört auch grün“ wurden auch Flyer verteilt, bei der man auf den Ausschluss hinwies, Toleranz forderte und eine Diskussion anstoßen wollte. Auch vor Ort war ein Video-Team, dass die die ganze „Aktion“ begleitete und Interviews führte. Zusätzlich verbreitete die Bundeswehr ihre „Diskussionsanregung“ natürlich auf den eigenen Social Media Kanälen und auch eine Soldatin, die als Hauptstadt-Korrespondentin für Radio Andernach (Betreuungssender für die deutschen Soldaten im Auslandseinsatz) arbeitet, war vor Ort.

Wie Falschinformationen ihren Lauf nehmen

Nun nahm die ganze Desinformationskampagne ihren Lauf. Die Fanboy-Armee der Bundeswehr kommentierte fleißig, dass das ja nicht sein könne, die Online-Medien übernahmen die Geschichte und stellten die Toleranz der Teilnehmer in Frage, wenn die Bundeswehr nicht auf die re:publica dürfe und so weiter. Die Kommunikation der Bundeswehr konnte ohne Probleme den Anschein vermitteln, dass Soldaten der Zutritt auf das Gelände verweigert worden wäre, obwohl sie Karten oder einen Stand (oder sonst eine Berechtigung) hätten, nur weil sie in Uniform erschienen wären. Und sie trugen auch nichts zur Aufklärung bei, wenn entsprechende Kommentare auftauchten. Das schaukelte die Stimmung natürlich (künstlich) hoch.

Screenshot Facebook Bundeswehr Karriere - Protest vor der re:publica

Die Bundeswehr auf ihrer Karriere-Seite: Hätte man auch anders formulieren können.

Nach dem Abzug der Bundeswehr (wenn ich das richtig mitbekommen habe, mussten sie sogar abziehen, weil sie mit ihrem LKW im Halteverbot standen) war die Geschichte aber natürlich nicht gegessen. Die Fehl- und Falschinformationen verbreiteten sich weiter, aus allen Ecken kamen Tweets und Facebook-Posts, die auf den Zug aufsprangen, wie intolerant man doch sei, wenn man die „Staatsbürger in Uniform“ nicht aufs Gelände lassen würde. Ein super Beispiel übrigens dafür, wie schnell sich Fake-News im Netz verbreiten – vielleicht sollte es hier bei der #rp19 eine Session zu geben? 😉

Erst mal die Facebookseite downvoten

Nebenbei entwickelte sich auch noch eine Kampagne gegen die Facebookseite der re:publica (von wem auch immer initiiert). Über 1.000 negative Bewertungen (mit den entsprechenden Kommentaren dazu) prasselten auf die Seite ein. Die Kommentare ähneln sich: „Staatsbürger in Uniform“, „intolerant“, „Parlamentsarmee“, „Zu bunt gehört auch grün“. Ob in Zukunft jemand weniger auf die re:publica aufgrund der 1-Stern-Bewertungen kommt, lasse ich jetzt mal dahingestellt.

Krisen-PR – hinterher ist man schlauer

Sicher hätte man seitens der re:publica souveräner reagieren können, das Uniform-Statement noch klarer formulieren und unterstreichen können oder vielleicht auch ein oder zwei Interviews zu diesem Thema weniger geben sollen. Wer schon etwas größere Veranstaltungen organisiert oder zumindest begleitet hat, weiß aber auch, wie sehr so ein Orga-Team unter Druck steht. Und wie schnell man sich in die Ecke gedrängt fühlt, wenn „das eigene Baby“ in die Schusslinie gerät. Aber die Bundeswehr-Uniform als „allgemein akzeptiertes Kleidungsstück“ zu bezeichnen, nur weil auf evangelischen Kirchentagen oder der SXSW Soldaten der Bundeswehr im Dienstanzug (die „Ausgeh-Uniform“) herumlaufen, so wie es Frank Zimmer auf wuv.de macht, halte ich für ein wenig vorschnell.

Ich weiß nicht, wie die re:publica in Sachen Krisen-PR aufgestellt ist. Der konkrete Fall zeigt aber schon, dass dort Nachholbedarf zu sein scheint. Vielleicht macht es Sinn, eine Art „Krisen-Team“ im Hintergrund einzusetzen, dass – sollte es zu gewissen Kommunikationskrisen kommen – das normale Kommunikationsteam unterstützt, entlastet und die Macher etwas aus der Schusslinie nehmen kann.

Immer an die Zielgruppe denken

Foto mit Menschengruppe mit dem gleichen gelben Shirt

Immer erst an die Zielgruppe denken, ist einer meiner Ratschläge, die ich sehr sehr oft erteile. So wie ich die re:publica und ihr Publikum die Jahre über kennengelernt habe, hat das das Orga-Team bei der Entscheidung „keine Bundeswehr in Uniform zu Werbezwecken“ getan. Ich glaube, dass so ein Auftritt bei vielen auf Ablehnung gestoßen wäre. Und ich verstehe auch die Ablehnung der Bundeswehr nicht, in zivil aufzutreten. Glaubt man den Tweets rund um die #rp18 waren ja durchaus ein paar Soldaten in zivil auf der re:publica. Scheint also zu gehen (und ist nach der ZDv 37/10, der Anzugsordnung der Bundeswehr, nach Genehmigung durch den Disziplinarvorgesetzten auch zulässig). Wenn ich mir den Auftritt der Bundeswehr vor dem Gelände anschaue, scheinen es die Soldaten der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit der Anzugsordnung sowieso nicht so genau zu nehmen („Außerhalb von Gebäuden ist grundsätzlich Kopfbedeckung zu tragen“, ebenfalls geregelt in der ZDv 37/10).

Auf Augenhöhe kommunizieren

Die Bundeswehr möchte (und muss) sich öffnen. Sie ist eine Berufsarmee. Und zu so einem Prozess gehört für mich auch, dass sie sich den „Staatsbürgern ohne Uniform“ auf Augenhöhe nähert. Aber eine Uniform mit Dienstabzeichen etc. schafft doch eher Distanz, als Nähe? Ich hätte es spannend gefunden, einige Panels mit Bundeswehr-Beteiligung zu besuchen. Sie hätten etwas über ihre YouTube-Serien, ihren Snapchat-Kanal, ja, sicher auch über Cyberwar erzählen können. Das hätte mir mehr gebracht, als ein Stand, auf dem sie sich als toller Arbeitgeber präsentieren. Und hätte sicher auch mehr Buzz erzeugt.

Ist auf der re:publica die richtige Zielgruppe?

re:publica 2018 - Publikum Abschluss-Zeremonie von hinten Richtung Bühne

Überhaupt hat die Bundeswehr eher wenig an ihre Zielgruppe gedacht. Rechnet sie sich wirklich beim Publikum der re:publica Chancen aus, neue Rekruten zu gewinnen? Oder wollen sie einfach nur auf der Medien-Welle mitschwimmen, die um die re:publica so entsteht? Ja, auf der Gamescon oder der You kann man sicher ein paar Jugendliche mit Ballerspiel-Romantik abholen, aber auf der re:publica?

Eine Armee, die die beleidigte Leberwurst spielt

Auf beiden Seiten sind kommunikative Fehler passiert. Warum eine Parlamentsarmee allerdings ein Nein aus der Bevölkerung nicht akzeptiert und dann vor dem Gelände wie eine beleidigte Leberwurst demonstriert – oder „zur Diskussion anregen möchte“ -, bleibt mir schleierhaft. Hätten sie mal beim Call for Papers ein paar Sessions eingereicht. Ich bin mir sicher, die eine oder andere wäre auch angenommen worden. Das hätte ihnen PR-technisch wahrscheinlich mehr geholfen. Und vielleicht hätte der oder die Speaker/in sogar in Dienstuniform auftreten dürfen.

 

Mehr zum Thema gibt’s in Klaus‘ Flipboard.

 


Disclaimer: Ich war selbst Zeitsoldat bei der Bundeswehr und diente zwischen 2002 und 2006 unter anderem für das Wachbataillon BMVg und den Betreuungssender der Bundeswehr, Radio Andernach. Für das Radio war ich 2006 auch im Auslandseinsatz und moderierte in Kabul die Morningshow. Ich habe also eine gewisse Affinität zur Armee und stand ihr bisher sehr positiv gegenüber. Ich persönlich habe weder Probleme mit einer „normalen“ Polizei- oder Feuerwehr-Uniform, noch mit einer Flecktarn-Uniform der Bundeswehr. Trotzdem kann ich verstehen, dass sich manche Menschen von einer Bundeswehr-Uniform eingeschüchtert oder gar verängstigt fühlen. So etwas sollte man akzeptieren und respektieren. Egal, ob es sich dabei um eine „Parlamentsarmee“ handelt oder nicht. So viel Feingefühl und Sensibilität sollte man gerade von einer Armee erwarten, die sich selbst gern als Teil der Gesellschaft sieht („wir kämpfen dafür, dass du gegen uns sein kannst“). Auch wenn ich durchaus finde, dass das Engagement der Soldaten in unserer Gesellschaft oft zu wenig Anerkennung findet, habe ich den Eid nicht wegen der Anerkennung abgelegt. Ich habe bei meiner Vereidigung auf die schwarz-rot-goldene Fahne geschworen. Habe mich bereit erklärt mein Leben zu opfern – nicht nur für die Verteidigung Deutschlands, sondern letztendlich (und vor allem) auch für Verteidigung der Werte und rechtlichen Errungenschaften, für die die Bundesrepublik steht. Und dazu gehört übrigens auch, dass es Veranstaltungen geben darf und muss, die eine Beteiligung der Bundeswehr ablehnen, selbst wenn sie staatliche Fördermittel erhalten!

 

Update, 10. Mai 2018, 11:00 Uhr: In einer früheren Version schrieb ich, „Mit im Gepäck hatten sie [Bundeswehr] natürlich auch ein Video-Team der Bundeswehr“. Bei diesem Team handelte es sich offenbar nicht um ein offizielles Video-Team der Bundeswehr, sondern um ein Team eines Freelance-Journalisten des ZDF, der selbst von 2015 bis 2016 als „Regisseur“ für die Bundeswehr gearbeitet hat. Ergänzt habe ich die Information, dass auch eine Soldatin von Radio Andernach vor Ort war.