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Wie die Gorch Fock zur Fußnote wurde. Themenresonanz rund um Bundesminister zu Guttenberg

Die Social Media Analyse kann dazu eingesetzt werden, unaufgeregt umfangreiche öffentliche Diskussionen besser im Zusammenhang zu erfassen. Beispielsweise vor und nach einem Ereignis. An den aktuellen Beiträgen rund um Bundesminister zu Guttenberg lässt sich dies verdeutlichen. Das Social Web ermöglicht eine gute Resonanzaufnahme und bessere Handlungsorientierung.

Der erste Zitationsvorfall, noch schelmenhaft, geschah fast auf den Tag genau vor zwei Jahren: Ein Anonymus ergänzte auf Wikipedia einen „Wilhelm“ in der Vornamensliste des neu ernannten Ministers. Aus dieser scheinbaren Weisheit der Vielen schöpfend, aber weder zitierend noch verifizierend, trugen Journalisten den Namenskanon mit erfundenem Additiv beispielsweise in die Rheinische Post, das RTL Nachtjournal, die SZ, Spiegel Online und weitere Medien. Die über viele Zweifel erhabene Seriosität dieser Organe bestätigte wiederum die gefälschten Online-Quellen.

„Weil Journalisten ungeprüft von Wikipedia abschreiben und Wikipedia journalistische Texte als glaubwürdige Quelle betrachtet, wurde der erfundene Vorname schnell zur medialen Wirklichkeit“ stand am 10. Februar 2009 auf BILDblog zu lesen: http://www.bildblog.de/5704/wie-ich-freiherr-von-guttenberg-zu-wilhelm-machte/

Betroffenheit machte sich kurz breit. Die mediale Episodentaktung wartet jedoch nicht. Waren damals die Informationsbezüge noch in Teilen nachvollziehbar, so ist mittlerweile durch die fortgeschrittene Social-Media-Dialogrevolution ein umfassendes digitales Rauschen entstanden, das in schneller Folge verschiedene Issues aufnehmen, durchdeklinieren und verstärken kann.

Im Social Web finden sich irgendwo irgendwie alle Facetten des Diskurses: Einschätzungen, Erfahrungen und Erwartungen, Fragen, Argumente und Argumentationen, mehr oder minder gewichtiges Lob und Tadel. Sicher nicht in der Ausgewogenheit einer repräsentativen Befragung, aber als Spitze des Eisbergs, der Vielen Orientierung gibt. Der Social-Media-Raum ist zu einer teils diffusen Meinungsarena geworden, in der alltägliche Fragen aufgeworfen und die eine oder andere große Debatte geführt wird.

Social-Media-Analysen nehmen diese Beiträge auf, bewerten und verdichten sie, um thematische Stimmungsbilder und – idealerweise – Ansatzpunkte für eigene Maßnahmen aufzuzeigen. In einfachen Varianten werden kontinuierlich die verfassten Beiträge zu bestimmten Namen, Marken oder Themen gezählt, aufgelistet oder als Diagramm dargestellt. Sobald entsprechende „Issues“ aber unter permanent hoher Beachtung stehen, zeigen diese rein quantitativen Darstellungen bestenfalls einen „Zitterverlauf“. Mit dem hier herangezogenen Beispiel soll jedoch deutlich gemacht werden, dass die verteilten Nutzerbeiträge nicht nur gezählt, sondern auch inhaltlich erschlossen werden können: Durch semantische und computer-linguistische Methoden lassen sich Aspekte und ihre Kontextverbindungen ohne Vorgabe herauskristallisieren. Das WIE VIEL wird um WAS, WIE und WOMIT ergänzt.

Das hört sich abstrakt an. Zudem wenn die Begriffe nicht nur als Ranking, sondern auch mitsamt ihren Verbindungen als Themennetz entwickelt werden. Plastisch lässt sich hier am Beispiel aufzeigen, in welchem Kontext Bundesminister zu Guttenberg vom 8. bis 15. Februar diesen Jahres diskutiert wurde. Basis der nachstehenden Abbildung sind etwa 200 deutschsprachige Blogbeiträge und -kommentare. Es zeigt sich, dass „damals“ der Todesfall auf der Gorch Fock im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.

Als Lesehilfe sei hier angeführt, dass in diesen semantischen Netzen die Begriffe erscheinen, die besonders gewichtig in der Diskussion auftauchen (diese Begriffe werden nicht vorgegeben, sondern „hypothesenfrei“ herauskristallisiert). Verbindungslinien kennzeichnen einen starken gemeinsamen Bezug. Zentriert erscheinen Begriffe, die mit vielen anderen in Verbindung gebracht werden. Je singulärer ein Aspekt in den Beiträgen aufgenommen wird, desto mehr wird er zum Randthema.

"Davor": Semantisches Themennetz zu "Guttenberg" (Beiträge 8. bis 15.02.2011)

"Davor": Semantisches Themennetz zu "Guttenberg" (Beiträge 8. bis 15.02.2011)

Ein völlig anderes Bild zeigt dagegen die Verdichtung der Beiträge, die zwischen dem 16. und 24. Februar verfasst wurden (auch hier bilden Artikel mit der Erwähnung des Namens des Ministers den Ausgangspunkt der Analyse). Mit etwa 1.200 Beiträgen kommt es zu einer sprunghaft gestiegenen Aktivierung, ebenso  offenbart die Agenda-Extraktion einen vollständigen Kontextwechsel. Standen in der Vorwoche noch eher sachliche Berichte und Meinungen im Vordergrund, lässt sich nun eine extreme Emotionalisierung der Diskussion erkennen. Die aufgetauchten Plagiatsvorwürfe lassen keinen Raum für andere Themen. Der bis dahin dominierende Kontext „Gorch Fock“ ist nicht mehr signifikant in der Diskussion vertreten. Selbst der Hamburger Auftakt des Superwahljahres sowie neue Todesfälle in Afghanistan berühren nicht den (noch) beliebtesten deutschen Politiker.

Ein Land im Krieg diskutiert über Fußnoten.
Sowie über Eitelkeiten, Profil und wechselseitige Profilierung.

"Danach": Semantisches Themennetz zu "Guttenberg" (Beiträge 16. bis 24.02.2011)

"Danach": Semantisches Themennetz zu "Guttenberg" (Beiträge 16. bis 24.02.2011)

In der inhaltlichen Vertiefung spiegelt der Diskurs die Versuche wieder, wahlweise mit der eigenen Enttäuschung oder Schadenfreude umzugehen. Beide Themennetze können als inhaltliche Landkarten eine Orientierungsfunktion für den geneigten Akteur, Redakteur oder Analysten bieten. So werden wir wohl auch erst in der Folge sehen, wie Einschätzungen und Erfahrungen zur Bundeswehr-Reform ein stärkeres Gewicht bekommen und der Aspekt der unsachgemäßen Promotionsbearbeitung erwartungsgemäß langsam ausläuft.

… „inappropriate“ ist hier übrigens das überleitende Stichwort zum sehr bemerkenswerten, aber bislang nicht referenzierten Casus Bill Clinton. Dies sei hiermit perspektivisch vorgemerkt.

Beide dargestellten Ereignisse lassen sich als plötzliche, exogene Schocks einordnen. Sie haben keinen Vorlauf, der in der medialen Analyse zu erkennen gewesen wäre, sondern nur den üblichen zweiten „Höcker“. Es gab keine frühen Signale. So lassen sich mitunter durch Social-Media-Analysen solche schwachen ersten Hinweise auf potenziell bedrohliche Entwicklungen finden. Die Frage, mit welchen Aspekten die Bundeswehrreform in der öffentlichen Diskussion wie stark verbunden sein wird, wäre ein Beispiel hierfür. Greifbar werden längerfristige Veränderungen in der Einordnung von bestimmten Themen, Personen, Marken oder Institutionen. Mitunter passiert dies aber eben auch abrupt.

Beitragsentwicklung im Kontext "Plagiat"

Beitragsentwicklung im Kontext "Plagiat".

Damit erleichtert es die semantische Inhaltsanalyse, auch umfangreiche Kontexte besser zu verstehen und einzelne Aspekte in einen Zusammenhang zu setzen. Auf Grundlage einer solchen systematischen Identifikation kann die Interpretation des Geschehens klarer greifen. So lassen manche kommunikative Leistungen vermuten, dass die Akteure mitunter sehr gehetzt ihrer subjektiven Wahrnehmung vertrauen, Themenentwicklungen falsch einschätzen und unangemessen reagieren. Anscheinend verschont das Gehirn angesichts hoher Komplexität den Menschen durch Scheuklappen vor seiner Überforderung. Dies gilt in gleichem Maße für Organisationen wie für einzelne Personen: Man vertraut zumeist fälschlicherweise darauf, in schnellen, komplexen Kontexten treffsicher agieren zu können. Als Gegengewicht für eine solche Überforderung wird die Bedeutung der Social-Media-Analyse als Resonanzerschließung zunehmen.

So sind nicht die unwahrscheinlichen Momente am bedrohlichsten, sondern die unerwarteten Momente. Ein zurecht umstrittener Amtskollege des Ministers hat diesen Aspekt fast auf den Tag genau vor neun Jahren am 12. Februar 2002 prägnant festgehalten: „[T]here are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – the ones we don’t know we don’t know.” (United States Secretary of Defense Donald Rumsfeld)

Es geht nicht darum, Fehler zu vermeiden, dies ist grundsätzlich nicht oder nur für die groben Dummheiten möglich, sondern um den Umgang damit zu kultivieren. Dabei kann eine rechtzeitige Resonanz helfen. So soll hier festgehalten werden,

  • dass es durch die Social Media-Entwicklung sehr viel einfacher geworden ist, rechtzeitig etwa die eigene Reputation zu ergründen, Handlungsfelder zu verstehen und dies in der eigenen Kommunikation und Aktion zu berücksichtigen, sich somit mehr Handlungssouveränität zu erhalten,
  • dass die Social Media-Entwicklung zu einer immensen Beschleunigung beigetragen hat, die aber weder durch Abstinenz noch durch Beschwerden gemindert wird, sondern Dialog erfordert, und
  • dass Schadenfreude und Enttäuschung große Motive sind.

PS: … ohne die Unterstützung von Dominik Henn und Gabriel Pfaff aus dem complexium-Team gäbe es diesen Beitrag nicht. Besten Dank!