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Jonettag I: Neue Wege des Journalismus

"Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist." Dieses Zitat aus dem Roman "Der Leopard" von Tomaso di Lampedusa könnte das Motto des Journalistentages (Jonet-Tag) in Hamburg sein. Rund 400 Journalisten haben sich bereits gestern Abend getroffen, um über die Zukunft des Journalismus zu diskutieren. Anscheinend sind die Blogs der wirklich einzig bedeutende neue Weg des Journalimus. Davon werden die Diskussionen auf dem Jonettag 2005 beherrscht. Das wurde auch während der Auftaktparty deutlich: Es waren bereits zahlreiche Blogger vertreten, darunter Heiko Hebig, Nico Lumma, Christiane Link,  Mario Sixtus, Thomas Mrazek, Kai Lehmann, Daniel Schraeder, Ulrich Müller, Lyssa und Burkhard Schröder.

Wenn Journalisten über Blogs sprechen, geht es anscheinend immer als erstes darum, das Phänomen Blogs zu erklären und sich von Bloggern abzugrenzen. Was macht eigentlich den Journalismus aus? "Kompetenz und Glaubwürdigkeit", meint Annette Milz, Chefredakteurin der Journalisten-Fachzeitschrift Medium-Magazin. Mehr Meinungsjournalismus sei entscheidend für den Erfolg von Journalismus. Das unterstützt Manfred Bissinger, der von den Journalisten mehr "Haltung" und als Königsdiziplin  mehr "Meinung" einfordert, damit die Leser Orientierung erhalten. Das wird nicht von allen Diskutanten so gesehen. Schließlich gehe es nicht allein um die subjektive Meinungsäußerung, sondern auch um objektiven und investigativen Journalimus. Sieht das eigentlich bei guten Blogs anders aus? Die Glaubwürdigkeitsfrage stellt sich meiner Ansicht nach nicht nur bei Journalisten, sondern auch bei Bloggern.

Gleich zu Anfang der Podiumsdiskussion wetteiferten Johnny Häusler, Spreeblick, und Mathias Müller von Blumencron, Leiter der Spiegel Online-Redaktion darum, wer weniger Geld mit Texten verdient, Journalisten oder Blogger? Das gipfelte im Laufe der Diskussion in einem unerwarteten Statement von Müller von Blumencron: "Spiegel Online hat noch keinen Cent Gewinn gemacht."

Johnny Häusler erläuterte in der Diskussion, wie sich
professionelle Blogs refinanzieren lassen: "Davon lässt sich bereits
heute ein Halbtagsjournalismus finanzieren. Wir erzielen mit unseren
Blogs schon heute Werbeeinnahmen. Dabei setzen wir jedoch nicht auf
klassische Banner, sondern auf Sponsoren. So haben wir beispielsweise
zwei Wochen lang eine Band gefeatured. Es lohnt sich natürlich erst für
die Werbetreibenden, wenn ein Blog mehrere Tausend
Zugriffe generiert. Darüber hinaus gibt es viele kleine und mittelere
Unternehmen, für die sich Blogs sehr gut eignen, um Aufmerksamkeit zu
genererieren."

Erfolgreich sind Blogs dann, wenn sie viel Platz
für Meinung lassen. So meint Jochen Wegner, Focus: "Jemand, der etwas
zu sagen hat, kann innerhalb von Tagen in der Aufmerksamkeitsökonomie
nach oben gespült werden." Kein Wunder, das liegt an den Themen und den
journalistischen Stilformen: "Sensationelles und Reißerisches findet
schneller seine Leser", so Johnny Häusler. "Gut geschriebene Fachtexte
gibt es jede Menge. Dennoch haben diese Blogs gerade mal einige Hundert
Leser am Tag oder im Monat. Allerdings sollte niemand daraus nicht die
Konsequenz ziehen, eine neue Bildzeitung aufzumachen."

Mathias
Müller von Blumencron hält zwar die Entwicklung der Blogosphäre für
sehr spannend, sieht aber auch deren Grenzen: "Wenn klassische
Journalisten sich so verhalten wie Blogger, sieht es düster für den
Journalismus in Deutschland aus."

Annette Milz meint zwar auch,
dass der Journalismus durch Blogs nun wirklich nicht neu erfunden wird:
"Allerdings können Blogs als Frühwarnsystem funktionieren. Sie wirken
sich auf den klassischen Journalismus schon heute aus. Der Journalismus
verliert durch Blogs seine Deutungshoheit. Blogger können sich direkt
in die Diskussion einmischen und dabei eine breite Öffentlichkeit
erreichen. Ich halte das nicht nur für Zeitgeist, sondern sehe das als
klaren Trend."

Bereits die erste Podiumsdiskussion ist so
engagiert und spannend geführt worden, das ich froh darüber bin, an dem
Jonet-Tag dabei zu sein.

>> Jonettag V: Journalisten bloggen gerne
>> Jonettag IV: Mehr Kritik an Leitmedien
>> Jonet-Blogger III
>> Jonettag: Mikromedien II

 

Klaus Eck, econcon