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Medienexperten analysieren die Bedeutung der Blogger

"Ein Journalist, der die wichtigsten Blogger seines Themengebietes nicht liest, beherrscht sein Handwerkszeug nicht." (Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer, FH Darmstadt- via Heise)

Blogs lassen sich nicht allein auf Katzencontent und Online-Tagebücher reduzieren. Sie bieten genügend Potenzial für die Schaffung einer anderen Öffentlichkeit und können den Journalismus zumindest in Teilbereichen verändern. Ersetzen werden sie ihn keinesfalls. Davon zeigten sich die meisten Medienexperten auf der gemeinsam von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
 und Netzwerk Recherche veranstalteten Tagung in Wiesbaden überzeugt. Am vergangenen Wochenende wurden zahlreiche Vorträge (siehe nächste Seite) zum Thema "Von neuen Öffentlichkeiten zur heimlichen
Medienrevolution — welche Chancen hat eine kritische Internetkultur?" gehalten, die für viel Diskussionsstoff sorgten und dabei auf ein gut vorbereitetes Publikum trafen.

Dabei stellte sich den Journalisten, PR-Leuten und Wissenschaftlern unter anderem die Frage, ob sich Blogs für die Schaffung einer Online-Gegenkultur eignen und das journalistische Instrumentarium erweitern können. Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der FH Darmstadt, zeigte sich überzeugt davon, die neuen digitalen Möglichkeiten der Social Software schon bald zu einem wichtigen journalistischen Handwerkszeug für die Themenfindung und -Recherche gehören werden: "Schon heute muss einem ein Journalist, der zu seinem Arbeitsgebiet die
einschlägigen Weblogs nicht kennt, oder der noch nie von der
Möglichkeit gehört hat, sich über automatisierte und maßgeschneiderte
Nachrichtenfeeds auf dem Laufenden zu halten, antiquiert erscheinen." In Zukunft rechnet Lorenz-Meyer damit, dass die bloggende Qualitätskontrolle (wie etwa beim Bildblog) im Nachhinein für viele Medienschaffende sehr peinlich sein dürfte und dadurch letztlich sogar die Qualität des Journalismus steigern werde.

Überschätzen sollte man dennoch die "Macht der Blogger" nicht. Darauf wies der Berliner Soziologieprofessor Dieter Rucht schon in seinem Auftakt-Vortrag am Samstag hin. Die so genannte Many-to-Many-Kommunikation des Internets werde oftmals überbewertet: "Bisher erreichen Blogger kein großes Publikum, sondern in erster Linie kompetente Mediennutzer, die im Gegensatz zur Mehrheit sehr gut mit Suchmaschinen umgehen und recherchieren können. Trotz aller Euphorie wird das Internet nicht die persönliche Kommunikation und politische Protestkampagnen im Öffentlichen Raum ersetzen können."

Ganz richtig stellte Rucht fest, dass die potententielle Sichtbarkeit einer Online-Information noch nicht unbedingt mit der realen übereinstimmt: "Online verfügbare Informationen werden nicht unbedingt abgerufen. Dabei handelt es sich oftmals nur um eine theoretische Sichtbarkeit." Das bringt sehr gut die Problematik mit dem Information Overload auf den Punkt, verkennt aber die Chancen, die sich durch die Social Software und die neuen Möglichkeiten, Informationen über das Tagging zu selektieren ebenfalls ergeben. Hierbei könnte gerade das Social Bookmarking die Chance eröffnen, die Informationsvielfalt zu bewältigen.

Ausführlicher als es dieser Beitrag leisten kann, geht Jan Michael Ihl in seinem Weblog Me, myself, my Macinthosh auf die NR-Tagung ein  (1, 2, 3, 4, 5, 6). Er hat via GPRS live von der Wiesbadener Veranstaltung berichtet. Etwas kritischer zieht Detlef Borcherts bei Heise Online sein Ressümee und titelt das Ganze: Blogs vom Bauchnabel oder für die kritische Öffentlichkeit.

Den meisten Tagungsteilnehmer hat das  Wochenende genauso gut gefallen wie mir. Die Diskussionen und Referate regten zum Nachdenken an und deuteten spannende zukünftige Perspektiven an. Ich freue mich auf weitere vergleichbare Veranstaltungen und auf den weiteren Austausch mit den Teilnehmern. In diesem Sinne lade ich Sie als Leser zu OpenBC ein, um im von mir moderierten Forum Business Weblogs die Diskussionen fortzusetzen.

>> Vortrag von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach (PDF)
>> Haltungsturnen: Blogs und Journalismus – Kommentar zur Veranstaltung
>> Lobbycontroll: Initiative für Transparenz und Demokratie:
Blogs, Wikis und kritische Öffentlichkeit
>> Vortrag von Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer in seinem Weblog Club Volt: Trendanalyse: Wie werden sich die digitale Medienszene und der klassische Journalismus entwickeln?
>> Vortrag von Klaus Eck: Blogging versus PR? – wie reagiert die Wirtschaft (PDF)

Die Referenten und ihre Themen im Einzelnen:

Prof. Dr. Dieter Rucht (wzb Berlin)
Cyberprotest: zum Wechselverhältnis von Protest und
digitaler Öffentlichkeit

Erik Möller (Publizist)
Gegenöffentlichkeit im Medienmarkt – Wie Weblogs, Wikis
und freie Software die Medien-Welt verändern
Mittagspause

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach (newsaktuell)
Der Einfluß der blogger auf Journalismus und PR

Christoph Schultheis (Bildblog.de)
Faktenkontrolle gegen die Boulevard-Welle

Günter Metzges (Move On)
Zu den Chancen des digitalen Massenprotests
(Projekt der Bewegungs-Stiftung)

Klaus Eck (econcon – content business agentur)
Blogging gegen PR – wie reagiert die Wirtschaft

Ausflug: Politische Dokumentarfilmer und Video-Aktivisten
Welche Öffentlichkeit erreichen sie noch?
„Die Wut“ – von Martin Kessler / Hans Magnus Pechel (AGDok)

Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer (Darmstadt)
Trendanalyse: Wie wird sich die digitale Medien-Szene und der
klassische Journalismus entwickeln?

Ulrich Müller (Projekt „Gesteuerte Demokratie“)
Mit welchen Mitteln kann heute noch eine kritische
Öffentlichkeit hergestellt werden?

Rena Tangens (Big Brother Awards.de)
Big Brother Award als neue Form der Gegenöffentlichkeit –
Wie können erfolgreiche Kommunikationsstrategien einer
kritischen Öffentlichkeit entwickelt werden?

Tagungsmoderation:
Dr. Thomas Leif (netzwerk recherche)