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Paper: Facebook kontrolliert unseren Content

Was Sie lesen und wahrnehmen, gibt Facebook vor, sobald Sie sich auf den Facebook Newsfeed einlassen. Das gefällt nicht jedem, reduziert aber unser Informationsaufkommen auf diesem Network. Auch nach 10 Jahren Facebook scheiden sich an dieser Plattform noch immer die Geister.

Einerseits wächst Facebook weiterhin erfolgreich und hat mehr als 1,2 Milliarden Mitglieder. Zum anderen werden oft grundsätzliche Fragen gestellt. Hat Facebook noch eine Zukunft? Will es nur unsere Daten? Wie kann man nur glauben, darüber Freunde zu finden? Seltsam klingen auch die regelmäßigen Abgesänge auf Facebook. Viele scheinen sich ein Ende geradezu herbeizusehen, damit sie sich nicht mit dem weltgrößten Social Network auseinander setzen und lernen müssen.

Nicht wenige gehen lieber den einfachen Weg und verneinen das neue „Betriebssystem für soziale Interaktion“, wie es Daniel Fiene treffend bezeichnet. Erst vor einigen Tagen lauschte ich in der Bahn dem amüsanten, aber eindeutigen Urteil eines Laien über Facebook: „Facebook habe ich gar nicht erst angefangen. Wie kann man nur mit Fremden dort befreundet sein. Die Nutzer sind lebensfremd. Facebook ist doch wie ein Tamagotchi. Das muss man sogar pflegen. Aber neulich hat bei uns eine 18jährige sehr befreit gewirkt, weil sie sich von Facebook verabschiedet hat.“ Auf derlei Vorurteile treffe ich bei Älteren häufiger. Wer jedoch professionell Kommunikation oder Marketing machen will, kann es sich heutzutage nicht leisten, Facebook zu ignorieren. Das Network bietet mannigfaltige Möglichkeiten, uns mit unseren Kontakten auszutauschen.

Facebook als Zeitung

Facebook ist noch längst nicht am Ende. Ganz im Gegenteil. Es hält viele Überraschungen bereit und entwickelt sich weiter. Vielleicht wird es künftig sogar noch die Art und Weise verändern, in der wir Nachrichten rezipieren. Wer mit der U- oder S-Bahn unterwegs ist, sieht heutzutage nur noch selten Leser mit einer Zeitung. Stattdessen starren viele Reisende lieber auf ihr Smartphone und nutzen Facebook, um sich mit News aus ihrem „Freundeskreis“ berieseln zu lassen. Im Durchschnitt entstehen täglich 1.500 Updates unserer Kontakte, von den das Netzwork allerdings uns nur 300 zeigt. Immer noch viele Informationen, die wir auf diesem digitalen Wege erhalten. Facebook ist in gewisser Weise ein Zeitungsersatz.

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Diesen Anspruch verkündet das Network sogar selbst mit der neuen Facebook-App Paper, die seit dem 3. Februar zunächst nur in den USA auf iOS erhältlich ist. Damit scheint Facebook einen Nerv zu treffen. Auf lustige Bilder kann ich auf Facebook sehr gut verzichten, nicht aber auf tolle Leseempfehlungen. Ich will über Facebook Nachrichten beziehen und ansonsten hin und wieder einen Blick auf den digitalen Alltag meiner Kontakte werfen können. Auf die neue App bin ich gespannt, sie könnte unseren Newsalltag wieder etwas durcheinander bringen und mir das Filtern der Nachrichten erleichtern (sobald sie auch für Android zur Verfügung steht).

Kein Abschied von Facebook 

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Es ist nicht einfach, sich dem Social Network Nr. 1 Facebook zu entziehen. Selbst wenn ich nicht beruflich mit Facebook in unserer Unternehmensberatung zu tun hätte, würde es mir schwer fallen, den Abschied von Facebook zu nehmen. Ich mag Facebook. Trotz allem. Seit rund 7 Jahren bin ich dabei (siehe werben & verkaufen).  Natürlich interessieren mich nicht alle Inhalte, die meine Kontakte/ Freunde in diesem Network miteinander teilen, doch das liegt in der Natur der Sache. Bei mehr als 3000 Kontakten gibt es einfach viel überflüssigen Content. Nicht jeder Text und jedes Bild sind für uns relevant. Ich erhalte in der Regel eine relativ gute Auswahl in meinem Newsfeed und muss damit leben, dass wir alle Menschen sind, die nicht immer funktionieren, sondern durchaus einmal banales Zeug posten. Wer dies noch nie getan hat, der werfe den ersten Stein. Warum ich Facebook eher liebe, können Sie ebenfalls nachlesen.

Der Facebook Content ist vielfältig, aber lässt sich bislang nur schwer regulieren. Selbst mit den Facebook Listen gelingt mir dieses nur unzureichend. Theoretisch können wir die Content-Produzenten, die uns nerven, einfach verbergen. Aber was tun, wenn diese auch einmal wichtige Dinge von sich geben? Wir könnten etwas verpassen – und uns gleichsam etwas Gutes tun, indem wir konsequent unsere Newsfeeds nach Relevanz durchforsten und alle anderen Poster zumindest im Newsfeed verbergen. Ist das eine Lösung?

Facebook Paper versus Flipboard

Die neue Facebook-App Paper klingt verlockend und könnte Flipboard in seiner Facebook-Bedeutung ablösen und uns dazu verleiten, noch mehr Content öffentlich miteinander zu teilen, damit wir für die Werbetreibenden sichtbarer und erreichbarer werden. Facebook-Mitglieder haben unterschiedliche Informationsbedürfnisse, viele Mitglieder sind auf der Plattform nicht sonderlich aktiv, andere teilen und lesen den Content auf Facebook und erhalten mit Paper eine Sharing-App, die dem mobilen Informationsbedürfnis entgegenkommt. Die Reduzierung auf eine Eigenschaft ist konsequent. Instagram ist ideal für das Verteilen von Fotos und der Facebook Messenger für die dialogorientierte Kommunikation. Paper ist ein Publishing-Tool, mit dem sich spannende Inhalte kuratieren und betrachten lassen. Darüber hinaus können die App-Nutzer unter anderem weiterhin andere Facebook-Funktionalitäten wie das Messaging, die Kontaktanfragen und die Suche nutzen.

Introducing Paper from Facebook on Vimeo.

Beim Facebook-Magazin können die Mitglieder wählen, ob sie Informationen aus dem Bereich der Wissenschaft, Sport, Fotografie, Design oder Essen beziehen wollen und die gefundenen Inhalte mit ihren Kontakten teilen. Das ist durchaus mit der Usability von Flipboard vergleichbar. Die Popularität von Flipboard und seiner großen Nutzerschaft zeigen, welches Potential auch Paper hat. Die Medienresonanz ist überwiegend positiv, wenn nicht gar hymnisch. Im Unterschied zu Flipboard können die Paper-Nutzer nur bis zu zehn Magazine aufsetzen, während diese Zahl bei Flipboard unbegrenzt ist. Leider lassen sich die einzelnen Bereiche bislang nicht personalisieren. Für Newsfreaks, die die ganze Social Media Welt auf einem Dashboard abbilden und nutzen wollen, ist Paper noch keine Alternative zu dem flexibleren Flipboard. Aber das könnte sich mit der Weiterentwicklung von Paper schnell ändern, sobald es den Teststatus hinter sich lässt.

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Content Curation wird durch Paper, Flipboard und Zite sichtbarer. Wir gewöhnen uns daran, dass nicht Redakteure, sondern unsere Kontakte über unser Leseverhalten mitbestimmen und unsere News visuell verpacken und anteasern. Zeig mir Deine Freunde/ Kontakte – und ich sage Dir, was Du liest. Bei Flipboard und Zite geht die Entwicklung bereits weiter. Abhängig von unserem konkreten Leseverhalten, erhalten wir in den Apps neue Lesetipps, die sich an unserem Lesealgorithmus orientieren.

Ich würde mich freuen, wenn Facebook das Versprechen einlöst, den passenden Inhalt für mich zur richtigen Zeit zu liefern. Erst vor einigen Monaten hat Facebook den Nachrichtenanteil im Newsfeed erhöht. Bisher nehme ich viele Facebook-Inhalte über meine Flipboard-App wahr. Durch das neue Paper könnte ich wieder zum Content-Hub zurückkehren und darüber direkt die Inhalte beziehen.

Content Marketing mit Paper

Vielleicht erleichtert es Paper den Marken, ihren Content auf Facebook zu vermarkten. Wer gute, relevante Geschichten erzählen kann, dürfte sich nicht schwer damit tun, auf Paper neue Follower zu gewinnen, die regelmäßig den Markencontent lesen wollen. Ohne Storytelling dürfte es Unternehmen künftig noch schwerer fallen, ihre Facebook-Fans zu erreichen. Beliebige, langweilige Inhalte verschwinden hinter dem Facebook-Feed-Algorithmus. Wer nichts zu sagen hat, wird keinerlei Aufmerksamkeit generieren.

Paper könnte im Content Marketing eine bedeutende Rolle einnehmen, ist aber noch in der Testphase und daher zurzeit nicht wirklich relevant. Künftig wird es als Traffic-Treiber und Content Hub durchaus für Unternehmen von Interesse sein. Wer viel Content konsumieren möchte, dem wird es in jedem Falle auf Facebook Paper leicht gemacht, diesen darüber zu empfangen. Das Lesen macht auf Paper Spass – und dürfte die Verdrängung der Zeitung im öffentlichen Raum weiter beschleunigen. Schon bald wirken die echten Zeitungen auf Papier wie Exoten – und nicht mehr die auf ihr Handy starrenden Reisenden.

Im Vergleich zu Flipboard bietet mir Paper heute noch zuwenig Freiheiten beim Aggregieren und Sharen von Content. Die Paper-App wird für mich Flipboard (noch?) nicht ersetzen, aber wer weiß, vielleicht ist es irgendwann eine gute Alternative zur Facebook App. Leider ist Paper bislang nur für das iPhone verfügbar.

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>> Facebook Paper
>> Netzwertig: Paper ist keine Nachrichten-App, sondern Facebook für die mobile Generation
>> Verge: With Paper, Facebook just blew its own iPhone app out of the water
>>  Süddeutsche Zeitung:  Neue App Paper. Facebook will eine Zeitung sein
>> Thomas Hutter: Facebook: Paper – ab dem 3. Februar 2014 
>> Curved: 
Paper im CURVED-Check: Flipboard, Du kannst einpacken!

Bildquelle: Facebook; Shutterstock