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Offener Brief: So nicht, liebe Pressesprecher

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Auch Blogger stoßen hin und wieder auf das Phänomen „Pressesprecher“. Ein schwieriges Verhältnis, was nicht zuletzt an unterschiedlichen Auffassungen über die Art der externen Kommunikation liegt. Hinzu kommt ein Misstrauen, das Blogger immer wieder überrascht. Ein offener Brief an die Pressesprecher …

 

Liebe Pressesprecher,

wie weit Sie von der Realität moderner, professioneller Kommunikatoren entfernt sind zeigt sich insbesondere dann, wenn sie die aktive Ansprache durch uns Blogger nicht zu schätzen wissen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir erwarten keinen Kniefall von Ihnen. Es ist ein Geben und Nehmen, wenn Blogger über Unternehmen auf ihren Seiten berichten. Wir freuen uns anhand von Praxisbeispielen zu berichten und zu lernen und Sie als Unternehmen freuen sich hoffentlich über eine weitere Positionierung und erhöhte Sichtbarkeit im Netz.

Warum also so negativ und misstrauisch? Es ist mein Erstanruf. Ich habe Ihnen bisher nichts getan? Und trotzdem stellen Sie mir Fragen, als hätte ich gestern Ihren Börsenkurs nach unten geschrieben. Haben Sie kein Interesse daran, dass ich über Sie schreibe?

Voraussetzung dafür wäre, dass Sie „das Spiel“ verstehen. Konkret: Immer mehr Unternehmen setzen auf Blogger Relations. Also die direkte Ansprache von Unternehmensseite aus. Aber noch lange nicht alle. Und da wir als Blogger auch nicht rein von Unternehmen getrieben sein wollen, selektieren wir und machen uns für gute Themen die Mühe, aktiv auf Unternehmen und Experten zuzugehen.

Ein antiquiertes Vorgehen für moderne Kommunikation

Was machen Sie als Blogger dafür? Sie recherchieren Ansprechpartner (Xing, Twitter & Co.) und versuchen es mit der direkten Kontaktaufnahme. Falls darüber nichts herauszufinden ist, bleibt uns nichts anderes, als eine der folgenden Varianten:

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1. Alternative: Anruf in der Zentrale –  Frage nach dem zuständigen Fachmann – (mit Glück) Verbindung zum richtigen Experten – Inhaltlicher Austausch – (häufig) Hinweis, dass das aber noch mit der Pressestelle abgeklärt werden muss.

Die Folge: Die Lust schwindet und die Befürchtung wächst jetzt einen glattgezogenen PR-Text, ohne jegliche Authentizität und Persönlichkeit als Ergebnis zu bekommen. Den möchte, in unserem Fall, kein Kommunikations- und Marketingexperte lesen. Also lassen wir es besser.

2. Alternative: Direkter Anruf bei der Pressestelle – Nachfrage ob wir mit dem zuständigen Experten darüber sprechen können – (häufig) Ablehnung, da hier nur Presseverantwortliche oder Vorstand nach außen sprechen.

Die Folge: Ich lehne ab. Schreibe keinen Artikel. Wir haben beide verloren. Aber nur ich verstehe es. Sie als Pressestelle wissen nicht, welche Chance Sie gerade vertan haben. Also rege ich mich mal wieder alleine darüber auf, wie rückständig Unternehmen in dem Bereich sind.

Und weshalb ist das so liebe Pressesprecher? Weil Sie sich von der One-Voice-Policy nicht verabschieden können und die Rahmenbedingungen der modernen, integrierten Kommunikation nicht verstanden haben.

Einerseits verstehe ich natürlich, dass nicht jeder Mitarbeiter nach Lust und Laune Unternehmensinterna herausposaunen sollte. Andererseits sind aber auch die Zeiten vorbei, in denen eine Ausschließlichkeit von Pressesprecher- und Vorstandskommunikation herrschte.

PR von heute arbeitet mit Authentizität

Mal ehrlich: Wenn ich etwas über modernen Kundenservice schreiben möchte, dann brauche ich mindestens die authentischen Aussagen des Leiters Kundenservice. Und ich  möchte nicht schreiben: „Der Pressesprecher berichtete über den Kundenservice …“. Wie unsexy ist das denn? Wer möchte das denn lesen? Ein Blogbeitrag mit reinem PR-Sprech und glattgezogenen Aussagen?

Also schaffen Sie sich bitte ein neues Verständnis von integrierter Kommunikation. In Zeiten in denen jeder Mitarbeiter auf Facebook und Twitter schreiben kann, in denen sollte jedem Mitarbeiter deutlich gemacht werden, was nach außen dringen darf und was nicht. Und warum soll ich dann nicht mit ihm direkt sprechen?

Und noch was: Authentizität und Persönlichkeit stellt Ihr Unternehmen in der Öffentlichkeit nicht schlechter dar. Es erzeugt Nähe und bringt die Kunden auf Augenhöhe zu Ihnen. Sie profitieren davon.

Journalistenhotline

Und noch ein Tipp: Das funktioniert im Übrigen nicht nur mit Bloggern so. Auch Journalisten legen in den letzten Jahren immer mehr Wert auf authentische Darstellungen. Aber was sollen wir von Unternehmen erwarten, die eine „Journalistenhotline“ einrichten. An einer „Hotline“ wird öffentliche Darstellung und der persönliche und ernsthafte Austausch offenbar ganz groß geschrieben.

Was Sie also schleunigst erledigen sollten, bevor ich wieder auf Sie angewiesen bin:

  • Entwickeln Sie eine positive Einstellung und hören Sie auf zu mauern. Ich möchte Ihnen nichts Böses.
  • Zeigen Sie, dass Sie mir auf Augenhöhe begegnen. Es ist ein Geben und Nehmen. Wir können beide profitieren.
  • Gehen Sie mit der Zeit oder holen Sie sich Experten ins Haus, die mit Ihnen an der Kommunikationskultur ihres Unternehmens arbeiten. Es könnte in Zukunft ein Game Changer werden.
  • Alternativ gibt es mittlerweile auch Experten, die sie für das Thema Influencer / Blogger Relations einstellen könnten.

Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen

Jens Issel

Bildquellen: Voice of one person in crowd illustration, Stephen Finn, Shutterstock; process flow diagram with coffee and blueprints, RAGMA IMAGES, Shutterstock