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Die Datenflut beherrschen

Gestern hat Marie-Christine Schindler auf Twitter ihre Follower gefragt, welchen Stream sie zuerst lesen, Twitter, Facebook oder Google+. Ich kann diese Frage nicht wirklich beantworten, weil ich nicht vor dieser Alternative stehe. Meine Newsfeeds lese ich morgens zuerst mit my6sense auf meinem Android-Handy.

Diese App filtert meine RSS-Feeds aus dem Google-Reader, meine Twitter-Timeline, die Neuigkeiten meiner Facebook-Freunde und den – nicht mehr so wichtigen – Google Buzz-Stream. my6sense zeigt mir die Meldungen als erste an, die mich vermutlich am meisten interessieren. Dabei stützt sich die App auf eine laufende Analyse meines Verhaltens, meines sozialen Netzwerks und der Seiten, mit denen ich mich beschäftige. Kurze Artikel lese ich innerhalb der App. Meist schicke ich die URLs aber an Instapaper weiter, indem ich im Menü auf Save klicke. Diese Texte lese ich, wenn ich Zeit habe, auf dem iPad oder speichere sie für irgendwann.

Sobald ich am Computer sitze, benutze ich my6sense noch einmal. Diesmal verwende ich eine Chrome-Erweiterung, die die Tweets der vergangenen Nacht nach Relevanz ordnet. So kann ich relativ sicher sein, nichts Wichtiges verpasst zu haben.

Nicht-Geeks, denen ich erzähle, dass ich meine Nachrichten von den Algorithmen der Firma my6sense filtern lasse, halten mich meist für ein bischen spinnert. Damit kann ich leben. Mir spart my6sense viel Zeit, und es macht mich immer, wenn ich es benutze, sofort auf wichtige News und Geschichten aufmerksam—zielgenauer als jede Redaktion, deren Produkte ich bisher gelesen habe. my6sense weiß, dass ich mich für Social Media interessiere und dass ich fast alle Posts anklicke, in denen es um das Schreiben geht. Die App kennt die Autoren, denen ich am meisten vertraue, und sie weist mich auf Links zu Themen wir RDF, Python und Digitale Fotografie hin, zu denen ich nur am Rande komme, die mich aber faszinieren. my6sense zeigt mir Links zu Artikeln über die arabische Revolution und blendet die meisten anderen politischen Themen aus, weil ich sie nie anklicke.

Würde ich mich ganz auf my6sense oder eine ähnliche Anwendung verlassen, um meine Nachrichten zu filtern? Natürlich nicht. Ich benutze auch viele andere Quellen. Außerdem schärfe ich die Optik von my6sense, indem ich innerhalb der Anwendung einzelne RSS-Feeds lese, so dass sie sehr genaue Informationen über meine Vorlieben erhält. Ich benutze sie nicht wie eine Brille, ohne die ich nichts sehe, sondern wie einen Feldstecher, den ich wieder weglegen kann.

Ich kann diese App, die ich schon lange verwende, nur empfehlen—was ich hiermit für die Leser des PR-Bloggers tue. (Es gibt sie außer für Android auch für das iPhone und für den Nook von Barnes and Noble). Ich nutze sie aber nicht nur, weil ich sie brauche, sondern auch, weil mich interessiert, wie sie arbeitet. Zu je mehr Nachrichten im Web wir direkten Zugang haben, desto mehr sind wir auf Filter für die Information angewiesen. Clay Shirky hat es am klarsten formuliert: Unser Problem ist nicht der Informationsüberfluss, sondern das Versagen der Filter. Wer glaubt, ein ungefilterter Blick auf die Wirklichkeit sei möglich, hängt einer Illusion nach und verwechselt deshalb erst Recht die Wirklichkeit mit den Bildern, die wir uns von ihr machen. Objektivität erreichen wir nicht, wenn wir auf Filter verzichten, sondern wenn wir die Filter, die wir brauchen, so oft und so gut wie möglich überprüfen.

Ich bin selbst übrigens durch Louis Gray auf my6sense aufmerksam geworden, den ich seit langem als einen der besten Analytiker von Social Media-Entwicklungen schätze. Gray ist seit 2009 der erste amerikanische Angestellte der israelischen Firma my6sense. In seinem Blog schreibt er immer wieder über personalisierte News-Anwendungen; sehr lesenswert ist sein Post zu Parisers Kritik an der Filter Bubble, die gern als Argument gegen den nicht mehr von Redaktionen kontrollierten Zugang zu Informationen im Netz missverstanden wird.

Foto: Flickr, verbeeldingskr8