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Der Fall des Helden Guttenberg

Guttenberg-Spiegel-Titel-2010

Spiegel-Cover vom Oktober 2010

Der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat ein richtiges Problem mit seiner Reputation. In Deutschland fragen sich wie viele Bundesbürger, wie viel von seiner Doktorarbeit ist abgeschrieben, hat er nur schlampig gearbeitet oder getäuscht und wie wichtig ist das wirklich für seine weitere politische Karriere. Vom „Paarlauf ins Kanzleramt“ wird man vermutlich lange nichts mehr lesen. Stattdessen hat die Kanzlerin ihn inzwischen sogar ins Kanzleramt bestellt, um mit Guttenberg das weitere Vorgehen abzustimmen. Dafür musste er Wahlkampftermine sausen lassen. Es wird für ihn ernst. Bisher fordern nur wenige seinen Rücktritt als Bundesminister. Die politischen Freunde des CSU-Politikers bezichtigen daraufhin ihre Gegner der Schlammschlacht gegen einen renommierten Parteifreund – und scheinen sich zum Teil dennoch darüber zu freuen, dass der Ruf des bisher unbestrittenen Stars des Kabinetts angekratzt worden ist. Guttenberg hat seinen guten Ruf selbst entwickelt und ist in der Vergangenheit immer sehr gut mit den Medien umgegangen. Das hat zu seinen Beliebtheitswerten geführt. Der Held der Politik hat seine persönlichen Grenzen anscheinend erreicht. Selbst wenn juristisch noch die Unschuldsvermutung gelten sollte, schaden die Vorwürfe seinem Image.

Google Echtzeitsuche Guttenberg

Google Echtzeitsuche Guttenberg

Im Internet diskutieren die Deutschen unermüdlich den „Fall des Helden“ Guttenberg. Verliert er seinen Doktor? Tritt er zurück? Alles nur eine Schmutzkampagne? Auf Twitter und Facebook scheint es kein anderes Thema zu geben. Der unantastbare Held hat mutmaßlich Fehler begangen. Doch diesmal kann er die Schuld auf niemanden schieben. Außerdem muss Guttenberg sich an seinen eigenen hohen Maßstäben messen lassen. Für seine Doktorarbeit ist er selbst verantwortlich. Neben den Journalisten recherchieren inzwischen auch viele Onliner und tragen die Früchte ihre Recherche in einem „GuttenPlag Wiki“ zusammen. Ob es tatsächlich rund  80 abgeschriebene Stellen in der Doktorarbeit des Verteidigungsministers sind oder viel weniger, das spielt inzwischen eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger wird es für den öffentlich an den (Online-)Pranger gestellten Politiker sein, sich zu den Vorwürfen offensiv zu verhalten. Ansonsten ist er nur ein Getriebener, an dem diesmal in jedem Fall einige Vorwürfe haften bleiben werden.

Denn die Plagiatsvorwürfe haben bereits seine Glaubwürdigkeit und damit seinen Markenkern erschüttert. Guttenberg wird nie mehr der Minister Makelos sein, selbst wenn er seinen Doktortitel abgibt oder sich öffentlich entschuldigt. Seine Zurückhaltung muss er schnell aufgeben und sich aktiv um seine Reputation kümmern. Ein Aussitzen ist nicht mehr möglich, dazu ist das Issue Guttenberg längst zu kritisch geworden. Aus heutiger Sicht stellt sich auch der Fall Kundus anders dar. Mit einem Male gerät seine Vergangenheit in ein schiefes Licht. Der Strahlemann hat schon einige Fehler begangen. Doch nun werden sie ihm tatsächlich zugeschrieben.

Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern hat Guttenberg einen besonderen Nimbus um sich herum aufgebaut. Er gilt zu Recht als Ausnahmepolitiker, der viele mit seinem persönlichen Erscheinungsbild für sich einnimmt und doch so ganz anders wie andere (Partei-)Politiker wirkt. Manche erklären sich das mit seiner adeligen Abstammung und seinem Habitus. Doch nicht zuletzt sein Adel verpflichtet. Wer als Politiker fast schon zum Synonym für Glaubwürdigkeit steht und das Vertrauen der Mehrheitsgesellschaft genießt, für den gelten besondere (moralische) Maßstäbe. Das mag man ungerecht finden, ist es sicherlich auch. Aber letztlich vertrauen ihm viele Bundesbürger, sehen zum Teil sogar einen unabhängigen Bürgerkönig in ihm. Momentan stellt sich heraus, dass auch ein zu Guttenberg ein normaler Parteipolitiker mit Stärken und Schwächen ist.

Noch profitiert er davon, ein Medienliebling zu sein. Die Türen der Öffentlichkeit stehen ihm offen. Vermutlich wird er heute noch reagieren. Schade ist es, dass er seinen Facebook-Auftritt (wie so viele andere Politiker) nicht wirklich in diesem Fall für die Kommunikation nutzt und voraussichtlich auch nicht großartig nutzen wird. Dazu fehlt ihm sicherlich persönlich die Zeit. Aber warum kümmern sich nicht seine Referenten darum? Handelt er jedoch jetzt beherzt, könnte er sogar langfristig davon profitieren, nicht immer perfekt zu sein. Die Sympathiewerte werden dann vielleicht nicht mehr ganz so weit oben sein, aber sich immer noch deutlich von denen anderer Politiker positiv unterscheiden, selbst wenn es dann einen Makel in seiner Reputation geben sollte.

Ubdate: Sollte er heute tatsächlich zurücktreten, würde das seiner Reputation langfristig nur gut tun. Schließlich verleiht ihm dieser schwere Schritt wieder echte Glaubwürdigkeit und zeigt, dass er wirklich unabhängig vom Politbetrieb agiert. Laut einem aktuellen Spiegel-Artikel lässt er zunächst nur seinen Doktortitel ruhen und denkt überhaupt nicht über einen Rücktritt nach. Allerdings ist es umstritten, wie er vor wenigen Journalisten dieses verkündet hat.

Guttenberg-Facebook

Guttenbergs Stellungsname auf seinem Facebook-Profil

Update II: Inzwischen hat Guttenberg auch auf Facebook eine Veröffentlichung vorgenommen, die schon nach kurzer Zeit rund 3000 Likes und 700 Kommentare erhalten hat. Neben einer Entschuldigung steht darin auch folgender Satz: „Jede weitere Kommunikation über dieses Thema werde ich auschließlich mit der Universität Bayreuth führen.“ Die anderen Passagen wirken auch nicht besonders souverän. Mir stellt sich jedoch die Frage, ob er überhaupt die Kommunikation in dieser Weise noch steuern kann? Was meinen Sie?

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