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Was dumme Twitterer und Zeitungsleser gemein haben

Vor kurzem gipfelte die Kritik an den neuen Medien mal wieder in einer Buchvorstellung: Bei den Webevangelisten konnte man lesen, wie Diplom-Politologe Markus Reiter sich der gleichen Vorurteile bediente, mit denen viele Web-Enthusiasten schon länger konfrontiert werden. Das Web verdumme, wenn wir nicht aufpassen, die Gesellschaft, so die Kernthese des im Zuge des Artikels vorgestellten Buches "Dumm 3.0". Ein Blick auf die Geschichte der Medienkritik zeigt, dass die Diffamierung neuer Medien schon in der Antike existent war. 

Nachtrag, 4. April: Es handelt sich hier nicht um eine Buchkritik zu "Dumm 3.0", sondern um eine generelle Betrachtung der Kritik am Medienwandel (siehe Kommentare).  C.B.

Fernsehen, Comics, der Hörfunk, der Buchdruck oder das Theaterstück – eines haben diese Dinge gemein: Es sind Medien, die bei ihrer Einführung von Vertretern des jeweils älteren Genres diffamiert und aufs Schärfste kritisiert wurden. Heutzutage gehören diese Dinge zu unserem Alltag, die meisten Vorurteile sind aus dem gesellschaftlichen Diskurs verschwunden, Kritiker wurden eines Besseren belehrt. Schon 2007 widmete sich Prof. Dr. Werner Faulstich in einem lesenswerten Artikel der Thematik der Kritik an neuen Medien – damals noch im Zusammenhang mit der Gewaltspiel-Debatte. Dieser Blogpost bezieht sich stark auf die Beispiele, die Faulstich bei seiner Argumentation einbezieht. Doch solche Erkenntnisse und historischen Zusammenhänge scheinen jedes Mal in Vergessenheit zu geraten, wenn eine neue Ära die Vertreter der "alten Schule" zu bedrohen scheint. Diesmal sind es vor allem Journalisten, die Kritikpunkte anbringen, die allesamt schon einmal in anderen Kontexten geäussert wurden.

Die Anklage der "Verdummung" und "Irreführung" der Gesellschaft durch neue Medien wurde in ähnlicher Form schon oft erhoben – damals waren es die Zeitungen selber, die bei ihrer Ankunft in der Medienlandschaft mit diesen Vorurteilen begrüßt wurden: In der Zeitungsdebatte Ende des 17. Jahrhunderts bezeichnete man die Zeitung als Lügenblatt, die den "Weltekel schüre" und "primitive Neu-Gier" propagiere. Verdächtig nah an dem, was heutzutage Blogs und Twitter vorgeworfen wird. Sogar schon in der Antike wurde Kritik an neuen Medien geübt: Platon warf den Theaterstücken bzw. den Tragödiendichtern vor, nicht an der Wahrheit interessiert zu sein und durch Emotionen Täuschung zu betreiben. Das kreative Schaffen würde der Ernsthaftigkeit beraubt werden. 

Unter den kritisierten Dingen findet sich so ziemlich jede technische Errungenschaft wieder, die das alteingesessene Denken der Menschen auf die Probe stellte: Die Eisenbahn (Menschen könnten diese Geschwindigkeiten nicht aushalten und die Zeitwahrnehmung würde gestört), das Telefon (wegen der Hemmungslosigkeit im Gespräch und dem "Verfall der Briefkultur"), der Kinofilm (durch das Verderben der Moralvorstellungen der Zuseher, bzw. vor allem der Jugend), das Fernsehen ("Die Droge im Wohnzimmer") sowie Mobiltelefone und Spielkonsolen.
Aber auch innerhalb der neuen Medien ergibt sich etwas wie eine Hackordnung – wir brauchen nur daran zu denken wie durch das Aufkommen von Twitter von einigen Altbloggern der Tod der Blogosphäre heraufbeschworen wurde. Es ergibt sich bei genauerer Betrachtung ein wunderbares Muster, auf das immer wieder im Rahmen der Kritik zurückgegriffen wird.

377684448_5a9c7a615eEs scheint fast niemand fähig zu sein, über den Horizont der reaktionären Kritik am Neuen zu blicken. So erklären sich auch fragwürdige Aussagen wie "Menschen ändern sich nicht", wie von Reiter im dritten Teil des Original-Interviews bei Zeit Online statuiert wird. Meiner Meinung nach ist der Mensch in einem stetigen Wandel, auf einer immerwährenden Erfahrungsreise – die Einzigen, die dies nicht merken, sind Menschen, die Scheuklappen aufhaben und somit die Dinge nicht an ihnen vorbeirauschen sehen. Und so dreht sich das Rad immer weiter, die alte Generation hetzt gegen die neue, ohne zu verstehen, worum es eigentlich geht: Neue Techniken und neue kulturelle Prozesse bieten immer Chancen zur negativen und positiven Gestaltung unserer Gesellschaft. Was dem inhärent ist, ist der Prozess der Veränderung an sich. Nur wir haben es in der Hand durch einen offenen Umgang mit den jeweils neuen Medien, durch eine Förderung von Medienkompetenz und einem Ausbau der dorthin führenden Wege die Folgen der Etablierung neuer Strukturen mitzugestalten. Fremdes und Neues sollte uns keine Angst machen, sondern die Lust wecken, damit zu experimentieren, neue Kontexte zu erleben und uns somit helfen, Veränderung als eine natürliche Sache hinzunehmen. Eine "Bedrohung unserer Kultur", wie das Buch so plakativ titelt, stellt eher der Stillstand und die Angst vor dem Unbekannten dar. 

Reiter sagt im Webevangelisten-Interview auch, dass wir einige Dinge in die neue Welt hinüberretten sollten: "den professionellen Journalismus, zweitens das Urheberrecht, drittens eine Bildung, die uns befähigt, Informationen zu selektieren und viertens eine vernünftige und vernunftgeleitete gesellschaftliche Debatte". Diese Dinge sind längst da – beziehungsweise in einem Prozess der Entstehung begriffen, der ganz automatisch vor sich geht. Und eventuell geht es weniger um das "Retten", sondern eher um das "Überdenken und Anpassen" - Wir sollten unsere Konzepte von dem was "gut" und "schlecht" ist täglich überprüfen und nicht aus purer Gewöhnung verteidigen. Lasst uns also den nächsten Kulturschock feiern, anstatt akribisch nach Möglichkeiten zur Fehlentwicklung zu suchen. 

>> PR Blogger: Wir brauchen mehr Medienkompetenz
>> BPB.de: Medienumbrücke, Kulturschocks und Verbotsforderungen seit Anfang der Geschichte
>> Denquer.de: Medienkompetenz? Begriffsklärung!
>> Webevangelisten.de: "Dumm 3.0" – Markus Reiter über Hetzjagden im Internet und Journalismus als Dienstleistung 
>> Zeit Online: Dumm 3.0: "Wenn sie sich zum Affen machen wollen…" 
>> PR-Blogger: 400 Jahre Zeitung
>> Spiegel: Das Internet ist an allem schuld

Christoph Bauer 


(Christoph Bauer ist freier Autor beim PR Blogger und schreibt derzeit seine Diplomarbeit über "Dialogische Kommunikationsangebote von Unternehmen im Social Web".)


>> Bildnachweis: The Infinite Loop von Kurafire / flickr