buble arrow3

I. Social-Media-Check Wahl 2009: Die Facebook-Fanpages der Spitzenkandidaten

Der Social-Media-Check (SMC) zur Wahl 2009 startet heute mit dem Blick auf die Facebook-Seiten der Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien. Über eine sogenannte Facebook Fanpage können die Mitglieder des Social Networks ihre Unterstützung signalisieren, indem sie Fan einer Marke oder eines Unternehmens werden. Durch das Einbinden unterschiedlicher Medienformate wie Twitter oder Youtube wird sie laufend mit Content aktualisiert. Dadurch verbessern nicht zuletzt auch Politiker ihre Sichtbarkeit auf Facebook und können ihre Wähler laufend mit Updates versorgen. So zumindest die Theorie. Im SMC schauen wir uns die praktische Umsetzung näher an:

Bei den deutschen Parteien liegt Angela Merkel mit 16.722 Befürwortern klar in Führung, gefolgt von Frank-Walter Steinmeier (6.183 Befürworter), Guido Westerwelle (2.900 Befürworter), Renate Künast (2.609 Befürworter), Jürgen Trittin (2.427Befürworter) und Oskar Lafontaine (680 Befürworter). Allerdings, Oskar Lafontaines Fanpage ist bei Facebook zwar eingerichtet, wird aber nicht mit Inhalten befüllt.

Fanpage Angela Merkel

Fanpage Steinmeier

Renate Künast

Jürgen Trittin  

Fanpage Oskar Lafontaine

Fanpage Seipenbusch

Jens Seipenbusch, der kaum bekannte Kandidat für die Piratenpartei, findet auf Facebook nicht wirklich statt. Eine Facebook Fanpage gibt es von dem Vorreiter der digitalen Avantgarde nicht. Selbst die Zahl seine Facebook-Kontakte hält sich in Grenzen (zurzeit 92 "Freunde").

1. Zuhören: Politiker haben viel zu sagen und sind gelernte Redner. Dennoch sollten sie sich auch an ihrer Fähigkeit messen lassen, sich auf ihre Wähler einzulassen und zuzuhören. Die Zeit der einseitigen Kommunikation ist – zumindest online – weitgehend vorbei. Wer sich im Web 2.0 bewegt, der muss sich von der reinen Sendung einer politischen Botschaft verabschieden und zur Konversation bereit sein. 

Der Blick auf die Fanpages ist eher enttäuschend. Denn einen Meinungsaustausch gibt es kaum oder gar nicht. Reaktionen auf Kommentare bleiben aus. Das Diskussionsforum bei Angela Merkel leidet unter einer digitalen Verwahrlosung, bei Guido Westerwelle sieht es nicht besser aus . Alle anderen verzichten zumindest auf den Fanpages vollkommen auf den politischen Diskurs. Doch selbst wenn die Kandidaten täglich jede Menge Kommentare erhalten, scheinen sie diese eher zu ignorieren. Es ist keine Reaktion der Kandidaten oder zumindest der Berater zu erkennen. Selbst wenn man sich die Kommentare genauer anschaut, entdeckt man wenig bis gar keine inhaltliche Diskussion.

ScreenHunter_20 Sep. 16 14.37

ScreenHunter_21 Sep. 16 14.39

Einzig positive Ausnahme ist Renate Künast, die mit einer sehr persönlichen und authentischen Sprache überzeugt.

ScreenHunter_09 Sep. 15 21.02

2. Überzeugen: Ob nun auch hier eine Agentur dahintersteckt, sei natürlich dahingestellt. Allerdings erscheint Frau Künast sehr lebensnah, und somit auch als Kandidatin sympathischer. Inhaltlich gesehen passiert auf den Fanpages recht wenig. Die Profilseiten der Kandidaten werden laufend aktualisiert, aber meist wird die Kommunikation von Facebook nur auf anderen Webseiten geführt bzw. oftmals gibt es nur Hinweise auf Videos, Medienbeiträge oder Veranstaltungen.

ScreenHunter_23 Sep. 16 14.49

3. Ansprache: Die richtige Ansprache ist das A und O, wenn man Vertrauen und Glaubwürdigkeit schaffen möchte. Allerdings gibt es bei keinem der Politiker eine zielgruppenspezifische Ansprache und es gibt auch keine Unterscheidung in einzelne Themenbereiche. Einzig bei Guido Westerwelle gibt es ein so genanntes „Facebook Intro“, das speziell für diese Plattform gedreht wurde und in dem er seine Befürworter direkt anspricht.

Ansonsten findet – was nun die Fanpages betrifft – keine wirkliche Unterscheidung statt. Die Leser werden mit der Nennung der Wahlkampfauftritte zur Genüge versorgt, teilweise findet der Versuch einer Aktivierung statt. Bei Frank-Walter Steinmeier heißt es „Sei auch DU dabei!“ oder „Sei dabei und lade Deine Freunde dazu ein“; bei Renate Künast: „Kommt ihr auch alle am 5.9. 13.00 nach Berlin“.

Steinmeier Aktivierung

Renate Künast Aktivierung

4. Mobilisieren: Der US-Präsident Barack Obama hat es vorgemacht, doch unsere Parteien hinken mit ihren Spitzenkandidaten in Social Media weit hinterher und reden sich nur mit dem anderen politischen Wahlsystem heraus. Von Mobilisierung der Wählerschaft ist auf den Fanpages jedenfalls keine Spur zu finden. 

Einzig die Veranstaltungshinweise zeugen von einem Versuch der Aktivierung – wenn es auch beim Versuch bleibt. Eine direkte Aufforderung, selbst aktiv zu werden, findet sich direkt auf keiner der Fanpages. Bei Angela Merkel kann man zwar Mitglied im teAM Deutschland werden, und Guido Westerwelle betont in seinem Facebook Intro wie wichtig es ist, wählen zu gehen – all das ist jedoch nur als Versuch zu werten, Wähler auch tatsächlich über Facebook zu aktivieren. 

Die Schulnoten-Bewertung im Einzelnen*

Angela Merkel
Zuhören 4
Überzeugen 3
Ansprechen 5
Mobilisieren 4

 

Frank-Walter Steinmeier
Zuhören
Überzeugen 3
Ansprechen 4
Mobilisieren 4

Guido Westerwelle
Zuhören 4
Überzeugen 3
Ansprechen 3
Mobilisieren 3

   

Renate Künast
Zuhören 4
Überzeugen 2-3
Ansprechen 3
Mobilisieren 3

Jürgen Trittin
Zuhören 4
Überzeugen 3
Ansprechen 4
Mobilisieren 3

   

Oscar Lafontaine
Zuhören 6
Überzeugen 6
Ansprechen 6
Mobilisieren 6

Jens Seipenbusch
Zuhören 6
Überzeugen 6
Ansprechen 6
Mobilisieren 6

*Eine genaue Erklärung der einzelnen Kriterien finden Sie hier.

Resümee: 


Die Fanpages werden überwiegend als Push-Medium genutzt, gehen aber wenig bis gar nichts auf das Feedback der Wähler ein. Auch wenn zu einem gewissen Grad Wert darauf gelegt wird, dass die Kandidaten natürlich und authentisch erscheinen, fehlt es an echtem Dialog. So bleiben die Fanpages unter ihren Möglichkeiten zurück, und aktivieren nicht wirklich zum Mitmachen. Das ist schade, schließlich sind fast 4 Millionen Menschen hierzulande auf Facebook aktiv. Als Ausrede kann eigentlich auch nicht mehr gelten, dass so wenig Wähler im Internet unterwegs sind. Längst haben rund 67 Prozent der deutschen Bundesbürger über 14 Jahre einen Online-Zugang.

Anika Geisel