Der digitale Aktivist

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Es gehört zum Alltag eines Aktivisten neue Wege zu finden: Sei es bei einer Online-Petition gegen Internet-Sperren oder bei einer Umweltorganisation. Es geht immer darum, neue Kräfte zu mobilisieren und Aufmerksamkeit zu erreichen, um andere für die eigenen Ziele zu begeistern. Das Social Web und kollaborative Technologien eignen sich wunderbar für derlei Aktivitäten – stellen sie doch eine neue Art der Gemeinsamkeit dar: Eine Verbundenheit, die nicht unbedingt die Freundschaft, sondern eher ein gemeinsames Ziel oder zumindest gemeinsame Interessen in den Mittelpunkt stellt. Warum lesen Sie andere Twitterer? Nicht unbedingt aus Freundschaftsgründen, sondern weil sie dort dargebotenen Themen mögen und die Interessen des Twitterers teilen.

Medien haben schon immer eine große Rolle bei der Verbreitung von Information und Gegeninformation gespielt: Seit dem Wegfall des Monopols auf Druckmaschinen, welche in ihren Anfangszeiten großteilig für Kirche und Staat verfügbar war, wurde das neue Medium zum gezielten, effizienten und schnellem Verbreiten von Meinungen genutzt. Diese ersten NGO´s konnten damit erstmals ohne direkten Dialog mit anderen Menschen Aufklärung betreiben und enorme Reichweiten sowie Langfristigkeit generieren.

Heutzutage sind die Flugblätter zwar nicht vollständig verdrängt, virale Spots und andere zur Partizipation auffordernde Medienformate bieten dem Aktivismus aber neue, ungeahnte Chancen: Dadurch können große Massen binnen kurzer Zeit mobilisiert und koordiniert werden, virale Lauffeuer können entfacht und vor allem in Bereiche gebracht werden, in denen Aktivismus oftmals vorher nicht ankam. 

Besonders durch die obligatorische Facebook-Gruppe und die meist veröffentlichten Beitrittsbekundungen bekommt Partizipation eine sozialere Dimension – Freunde wirken passiv auf andere ein, wenn sie sich für einen guten Zweck einsetzen oder Widerstand formulieren. Die Mitgliedschaft in einer Aktivismus-Gruppe ist einfach und unverbindlich – Plattformen wie Indymedia haben zwar schon seit längerem Opinion Leader der jeweiligen Bewegungen zusammengebracht, die viel größere Gruppe der geringer Involvierten wurde aber dadurch nicht angesprochen. Zu hoch musste die Affinität zu den Thematiken sein, zu viele motivatorische Barrieren standen im Weg. 

Mit dem Umzug der Aktivisten in die Welt der Networks wie Facebook, StudiVZ, Twitter und MySpace. werden auch die Barrieren zum Support einer solchen Gruppe geringer. Die einzelne Person als Aktivist sowie sein ganzer Freundes- und Bekanntenkreis wird stärker eingebunden, die persönliche Art der Kommunikation ermöglicht eine wirkliche individuelle Ansprache weiterer potentieller Interessenten. 

Ob der Beitritt in eine Greenpeace-Gruppe nur als„schick“ und der eigenen Reputation förderlich ist, das sei dahingestellt. Oftmals ist das nur ein bloßes Statement, ein digitales Emblem, was man sich anhängt, das aber wenig über das wirkliche Engagement aussagt.

Die Zukunft wird zeigen, wie sich die neuen Möglichkeiten auf die NGOs auswirken. Sicher ist aber, dass Koordination und Steuerung der aktiven Gruppen mit Hilfe dieser Instrumente bedeutend einfacher geworden ist und vor allem in Echtzeit ablaufen. Spontane Flashmobs sind der beste Beweis für die Effektivität solcher (spontanen) Strukturen.

>> CNN.com: Protesters always early adopters of technology
>> rabble.ca: Social Media as the new Frontier for NGOs
>> Beth´s Blog: How Nonprofits can use social media
>> Bildnachweise: Foto oben von FOTOTiER auf Flickr, Foto unten von philippe leroyer auf Flickr

Christoph Bauer

4 Replies to “Der digitale Aktivist”

  1. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätten die 68er über das Internet verfügt. Hätte sich der Staat damals auch so stark gegen die außerparlamentarische Opposition abschotten können?
    Das Unbehagen bei vielen Volksvertretern, Regierenden (nicht zu vergessen so manchem „Zeit“-Autor) gegenüber dem Internet wird ja gerade sehr deutlich.
    Interessant ist auch, dass ein Stunde lang die Dialoge zu politischen Themen im Internet zu lesen ergiebiger ist als zehn Sendungen Anne Will und ihre TV-Rituale, die immer weniger mit der Wirklichkeit der Zuschauer zu tun haben.

  2. Das erste Mal ist mir diese Aktivistenrolle im Zusammenhang mit einer Berliner Ringbahnparty aufgefallen. Alles, was jener Aktivist tat, war eine Gruppengründung im StudiVZ. Binnen weniger Tage hatten sich hunderte Jugendliche gefunden, welche dann in der Ringbahn Party machten bis die (friedliche) Runde von der Polizei aufgelöst wurde.

  3. Spät aber doch, mein Kommentar zu ihren Kommentaren:
    @Roland Keller:
    Ich denke dass sich Widerstand und Paroli nur in anderer, einfacherer Form aggregiert als damals. Wo damals noch eine Telefonkette stand, steht nun die Massenmail oder das „Teilen“ auf Facebook. Und das beste daran: Andere Leute erfahren davon, die noch garnicht im Kreise der „Aktivisten“ sind, und werden eventuell vom „Virus“ infiziert. Wie ich geschrieben habe, sind mehrere Dynamiken dafür zuständig: Zum einen das Interesse daran was ein Freund oder ein Bekannter macht, dann die Legitimation die eine Sache bekommt wenn sie im Freundeskreis schon angenommen wurde, und zu guter Letzt noch die positive Wirkung die Aktivismus generell nach aussen hat. Insgesamt wird dadurch die Viralität einer Bewegung extrem verstärkt, weil passiv überzeugt wird.
    @Jan Stellenmarkt (ist dies Ihr richtiger Name?)
    Solche Dynamiken sind sehr interessant zu beobachten – ich habe selber mehrmals erlebt wie überwältigend die Response und Wirkung nur durch Aktionen in Social Networks sein kann. Wichtig ist es aber auch, die Aktionen ausserhalb dieser isolierten Burgen weiterzuführen, andere Anlaufstellen für nicht Internet-affine Menschen zu schaffen, um die Message noch stärker „ins Land zu tragen“. Wir sollten nicht vergessen dass wir es hier an vielen Stellen (man schaue sich Twitter an) mit einer Informationselite zu tun haben, die längst nicht die Gesamtheit der Bevölkerung repräsentiert (aber sich oftmals so aufführt als wenn sie es wäre).

  4. Interessant finde ich den derzeitigen Trend auf Twitter, bestimmte protestbezogene Meldungen zu verschlagworten, wie z.B. #iranelection oder #tweetrevolt. Bei letzterem bin ich bekennenderweise mitverantwortlich – die Tweets werden auf einer separaten Website gelistet: http://www.tweetrevolt.org. Ich bin gespannt, ob diese Art der „virtuellen Protestversammlung“ eine Zukunft hat.

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