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Wie der Tsunami zur Event-Katastrophe wird oder die industrialisierte Gutmenschen-PR

Lässt sich Tragik und Betroffenheit steigern? Nimmt unsere Trauer und Betroffenheit mit jedem Toten zu, den die Naturkatastrophe in Südostasien gefordert hat? Fast könnte man dies meinen, wenn man den Fernseher einschaltet. Den tausenden von Opfern werden tausende Betroffenheitssendeminuten entgegen gesetzt. Jeder Sender bemüht sich eine mehr oder weniger wissenschaftliche Tsunami-Studie zu versenden. Mit Information hat dies aber inzwischen nicht mehr viel zu tun.

Ebenso wie die großen Spendensendungen und -galas, die in Deutschland zu einem neuen Sendeformat mutierten. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Menschen in den betroffenen Gebieten, besonders die in den abgelegenen Landstrichen, über die kaum Opferzahlen in die offiziellen Statistiken eingegangen sind, benötigen schnelle Hilfe. Spendengelder können, müssen hier das Schlimmste abwenden. Doch kann es hingehen, dass der Tsunami im Selbstverständnis so mancher Medienmacher zur Event-Katastrophe wird?

Kann, darf das Leid der Opfer, der Verletzten, der Hinterbliebenen und
derjenigen, die noch keine Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten oder
Freunde haben, als Vorlage für Medien-Events herhalten? Und was steckt
tatsächlich hinter der Spendenwelle, die positiv gesehen zeigt, dass es in
Deutschland eine enorme Hilfsbereitschaft gibt. Manche Medien sprechen gar von
der neu entdeckten Nächstenliebe. Aber wo bleibt die bei den kleinen und großen
Katastrophen, die sich bei uns medienunwirksam um die Ecke ereignen – oder bei
den hässlichen alltäglichen Katastrophen in Afrika, bei denen unsere Medien
gerne wegschauen?

Fast könnte die Formel gelten: je geballter, je spektakulärer
und je weiter entfernt die Katastrophe, um so größer die Anteilnahme. Vielleicht
entsteht dieser Eindruck auch nur durch die Skepsis über den Medien-Hype. Zur
Spendenbereitschaft trägt aber wohl auch die Ohnmacht bei, die viele bei
Naturkatastrophen fühlen. Eine Ohnmacht und Angst, die angesichts der
Endlichkeit des Menschseins und die Angst vor dem Ungewissen einst einen
organisierten Ablasshandel hervorbrachte. Sind auch bei der neuen Spendenwelle
solche psychologischen Momente zu beobachten?

Zumindest eines ist
feststellbar, die Spendenwelle geht mit einer Welle der Gutmenschen-PR einher,
die zeigt, dass die Deutschen doch nicht die Bösen der Weltgeschichte
sind. Schwerer tun sie sich schon, wenn es um Probleme und Unzulänglichkeiten
im eigenen Land geht, die nicht von der Natur, sondern von Menschen verursacht
werden. Da wird vor allem lamentiert, statt geholfen. Warum gibt es einen Staat,
der immer weiter zur anonymisierten Hilfsmaschinerie ausgebaut wird, damit man
von lästigen Aufgaben befreit ist? Nur kosten soll dies möglichst nichts. Wie
toll wäre es, wenn die Erfolgreichen unseres Landes Patenschaften für schwer
vermittelbare Arbeitslose übernehmen würden, um diese sowohl persönlich zu
beraten, zu stützen und ihnen helfen würden einen Arbeitsplatz zu finden? Warum
keine Patenschaften für sogenannte Ausländerkinder, die weder in der Schule noch
in der Gesellschaft den richtigen Anschluss finden? Warum keine Initiative gegen
die fortschreitende Anonymisierung unserer Gesellschaft, unter der wir die
Probleme an den Staat delegieren?

Warum nicht den Kanzler angesichts seiner
Neujahrsansprache beim Wort nehmen – und zwar nicht nur im Hinblick auf die
Katastrophe in Südostasien. Sinngemäß forderte er, dass die Hilfe so direkt wie
möglich stattfinden muss, um Wirkung zu entfalten: Länder sollen für Länder,
Regionen für Regionen, Städte für Städte, Dörfer für Dörfer eintreten. Sind
solche radikalen Forderungen in unserer westlichen Welt überhaupt noch
umzusetzen? Es bilden ja nicht nur unsere Staaten Matrixen, in denen der
einzelne als Halbleiter funktioniert, es sind ja auch die großen Wirtschafts-
und Verwaltungsapparate, die geradezu die Anonymisierung verlangen und dafür
Unterschlupf und Karriere-Möglichkeiten bieten. Interessant, dass im Gegenzug
standardisierte Massenprodukte wiederum mit emotionalen Momenten aufgewertet und
individualisiert werden müssen – quasi mit künstliche Farb- und Aromstoffen
veredelt.
Doch zurück zu dem unguten Gefühl, wie viele Medien den Tsunami
nutzen, welche Momente hier aufeinanderprallen – bis zu pharisäischen Berichten
und Artikeln über den Tourismus am falschen Platz zur falschen Zeit nach dem
Tsunami (klar, das sind die schlechten, wir die guten Touristen). Gegenfrage:
Wie kann man nur im Umfeld dieser Berichte Werbespots senden und Anzeigen
platzieren, wenn man so argumentiert?

Die Hoffnung zum Schluss: Vielleicht
wirkt sich die weltweite erzeugte Nächstenliebe zu den Menschen in Südostasien,
der Wettlauf um die höchsten Spendenbeträge auf künftig auf die
Hilfsbereitschaft und vor allem auf die Hilfe zur Selbsthilfe in unserer
nächsten Umgebung aus. Fangen wir am besten bei den Schwächsten an, bei den
Kindern. Warum also nicht auch über das Jahr Organisationen unterstützen, die
das Leid der jüngsten durch direkte Hilfe zu lindern versuchen. Und vielleicht
darüber nachdenken, wie wir ein Schritt weg von der Anonymisierung der
Gesellschaft kommen, was unfähigen Politkern und Wirtschaftsführern Macht nehmen
und an uns zurück geben würde – mit direkten positiven Effekten.