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Interview: Ralf Bremer – Google: Content-ID identifiziert Youtube-Videos

Viele Fernsehzuschauer sind in den 80-iger Jahren schon bei einer Auswahl eines Films unter 22 TV-Sendern überfordert gewesen. Das ist nichts im Vergleich zu den drei Milliarden Videos, die YouTube uns heute bereitstellt – täglich werden es mehr. Niemand kommt um YouTube herum, der Videos on demand angucken will – aber auch keiner, der seinen Film einer breiten Öffentlichkeit präsentieren möchte. Seit sechs Jahren gibt es die Plattform, die seit 2006 Jahren Google gehört. Wir haben mit Ralf Bremer, Leiter Politische PR von Google und YouTube in Berlin, über die Bedeutung der Bewegten Bilder im Internet gesprochen.

Welche Bedeutung messen Sie dem Bewegten Bild im Netz zu?

Die Menschen haben schon immer gerne bewegte Bilder gesehen – um sich zu unterhalten oder zu informieren. Mit Hilfe des Internets und der digitalen Technologien sind aber heute immer mehr Menschen in der Lage, selbst Videos zu produzieren und mit anderen zu teilen. Nun kann jeder normale Bürger Filmproduzent oder VJ werden, ein einfacher Rechner, ein Kamera-Handy und ein Internetanschluss genügen. So werden zur Zeit bei YouTube pro Minute 48 Stunden bewegte Bilder hochgeladen, eine noch vor Jahren nicht für möglich gehaltene Zahl! Ich glaube, das Zeitalter des Online-Videos hat erst begonnen.

Sie sind gelernter Fernsehjournalist. Sind Videos im Internet der Tod des klassischen Fernsehens?

Nein. Online-Videos sind in vielen Fällen kein “zweites Fernsehen”, sondern etwas völlig Neues, das erst durch die digitale Technik möglich wurde. Heute produzieren plötzlich unbekannte Bands, junge Comedians oder kleine Unternehmen ihre eigenen Videos und haben damit im Netz Erfolg. Sie sind Phänomene des Internets und wären im klassischen TV nicht denkbar gewesen. YouTube ist außerdem ein interaktives Medium, es gibt für den Betrachter immer einen Rückkanal, um zu antworten oder mit dem Gesehenen weiterzuarbeiten. Das Fernsehen ist durch diese Entwicklung sicher gefordert und kann sich an der einen oder anderen Ecke möglicherweise auch etwas abschauen. Viele Sender und TV-Formate haben deshalb inzwischen ihren eigenen Channel auf YouTube und beziehen so ihre Zuschauer aktiv mit in die Programmgestaltung ein. Von “Existenzbedrohung” des Fernsehens durch Online-Videos kann aber keine Rede sein. Gerade in den Bereichen Nachrichten, Shows oder internationale Sportereignisse führt am Know-How und den Ressourcen der etablierten TV-Sender auch in Zukunft kein Weg vorbei.

Noch lassen sich Inhalte von Videos nicht per Suchmaschine beurteilen, einordnen oder gar suchen. Wann und wie wird sich das ändern?

Na ja, selbstverständlich ist auch YouTube anhand von Stichworten nach bestimmten Inhalten durchsuchbar. Aber richtig ist: nach Bild- oder Videosequenzen können sie ohne entsprechende “Tags”, also mit dem Video verknüpfte Textbausteine, noch nicht suchen. Wann auch dies möglich sein wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe aber keinen Zweifel, dass dies in nicht allzu ferner Zukunft möglich sein wird. Mit Content-ID haben wir bei YouTube bereits eine Software im Einsatz, die urheberrechtsgeschützte Filme oder Musikstücke durch Vergleich mit dem Originalmaterial auffindet. Content-ID ist also schon heute in der Lage, Bilder und Töne zu identifizieren und bietet damit die technische Basis für eine Suche nach Videoinhalten, mehr als tausend Partner nutzen dies bereits.

Google hat vor 5 Jahren für 1,65 Milliarden US-Dollar Youtube gekauft. Immer noch verdient YouTube kein bzw. nicht annähernd genügend Geld, um diese Investition zu refinanzieren. Hat sich der Spaß trotzdem gelohnt?

Die Zeiten, in denen YouTube keine oder kaum Erlöse generiert, liegen lange zurück. Zur Zeit werden pro Woche drei Milliarden abgerufene Videos monetarisiert, also mit verkaufter Werbung gezeigt. Die Zahl der YouTube-Werbekunden hat sich 2010 verdoppelt, ebenso die Gesamterlöse. Daneben ist YouTube in den vergangenen fünf Jahren immer mehr zu einer Art “Video-Fenster” für die Welt geworden. Mittlerweile gibt es YouTube in 43 Sprachen, pro Tag werden über drei Milliarden Videos abgerufen. Diese Zahlen sprechen für sich selbst.

Google Video ist gerade jetzt eingestellt worden. Warum geben Sie ein solches Format unter eigenem Namen auf?

Entgegen anderen Berichten ist Google Video nicht eingestellt worden, sondern wird weiter bestehen. Die Stärke von Google Video ist es, dass Nutzer Videos überall im Netz finden können, egal wo sie liegen. Allerdings können seit Ende April über Google Video keine dort hochgeladenen Videos mehr abgespielt werden. Stattdessen konzentrieren wir uns bei Google Video auf das Suchen und Finden von Videos.

Videos bei YouTube einstellen kann jeder 6jährige ohne viel Übung. Der zahlt aber nichts und gucken kostet auch nichts. Wie genau lief noch einmal das Geschäftsmodell?

Es ist doch erstmal eine tolle Sache, wenn jetzt auch Ungeübte mit ihren Videos bei YouTube berühmt werden können. Und wir sind auch vom Geschäftsmodell überzeugt. YouTube gehört dank Display und anderen Werbeformen zu den stark wachsenden Bereichen. Schon heute haben 94 der 100 wichtigsten werbetreibenden Unternehmen der Welt (laut AdAge) mindestens eine Kampagne über YouTube oder das Google Display Netzwerk gefahren. Wir sind davon überzeugt, dass wir hier erst am Anfang einer Entwicklung stehen. Und der guten Ordnung halber: 6-Jährige können bei YouTube keinen eigenen Channel betreiben, das müssen die Eltern übernehmen. Das Mindestalter liegt bei 13 Jahren.

Seit einiger Zeit bieten Sie auch das YouTube-Partner-Programm an. Was ist das?

Weltweit existiert unser Partnerprogramm seit 2007, in Deutschland seit 2008. Das Modell ist einfach: wer einen eigenen YouTube-Channel hat und dort regelmäßig Videos hochlädt, kann Partner werden. Weitere Voraussetzungen sind, dass sie oder er sich stets an unsere Regeln gehalten haben und ihr Channel ein paar mehr Menschen interessiert als die eigene Verwandschaft (lacht). Im Ernst: also schon signifikanten Traffic produziert. Wenn all dies gegeben ist, schließen wir mit dem Partner einen Vertrag und schalten auf seinem Channel Werbung. Der größere Teil der erzielten Erlöse geht dabei an unsere Partner.

Was haben Ihre Partner davon? Kann man von Werbung auf einem YouTube-Channel leben?

Jedes Jahr werden viele Millionen Euro an unsere weltweit über 20.000 Partner ausgeschüttet. Die Höhe der Ausschüttung hängt natürlich von der Zahl und der Popularität der Videos ab. 2010 stiegen die an unsere Partner ausgeschütteten Werbeerlöse zum zweiten Mal in Folge um fast 300%, hunderte Partner verdienen dabei sogar sechsstellige Beträge im Jahr. Davon kann man denke ich ganz ordentlich leben.

Anfang Juni 2011 haben Sie im Rahmen Ihres Partnerprogramms das Projekt YouTube NextUp vorgestellt. Worum geht es dabei?

NextUp ist ein Förderprogramm für die YouTube-Stars von morgen. Talente aus sechs europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, können sich bei uns bewerben. An die Gewinner werden 25-mal 20.000 Euro Fördergeld für neue Videoprojekte ausgeschüttet. Außerdem dürften die Sieger am YouTube Creator Camp teilnehmen, einer intensiven Schulung in Sachen Videoproduktion. Interessierte können sich noch bis 28. Juni 2011 unter youtube.com/youtubenextup bewerben.

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Bildquelle: Annette Shaff / Shutterstock.com

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