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Transparenz-Interview 8: Martin Rücker, Foodwatch, zur Unternehmensglaubwürdigkeit

Non-Governmental Organizations oder Nichtregierungsorganisationen können erheblichen Druck auf Unternehmen ausüben. Besonders diejenigen, welche sich zur Aufgabe gemacht haben, Konzernen auf die Finger zu schauen. Foodwatch ist eine solche Organisation. Sie fordert die Lebensmittelindustrie zu Ehrlichkeit und Transparenz auf und informiert die Öffentlichkeit, wenn Produkte nicht halten, was die Werbung verspricht. Martin Rücker, Pressesprecher von Foodwatch, hat unsere Fragen zum Thema Unternehmenstransparenz für mein neues Buch "Transparent und glaubwürdig" beantwortet:

1. Auf ihrer Website beschreiben Sie die Hauptaufgabe von Foodwatch als das Entlarven von verbraucherfeindlichen Praktiken der Lebensmittelindustrie. Ist Transparenz in diesem Gewerbe nicht üblich?

Leider nicht. Die Industrie lebt sehr gut von Intransparenz. Ein einfaches Beispiel: Frühstücksflocken lassen sich heute besser an die Kundschaft bringen, wenn der Hersteller sie als gesundes Fitnessprodukt bewirbt. Also tut er das, und zwar auch bei einem Produkt, das zu 35 Prozent aus Zucker besteht und das also eher fett als fit macht. Er tut das, so lange es kein Gesetz verbietet und so lange keine Informationspflicht diese Marketingillusion zerstört. Würde der Produzent vorne auf der Packung gut sichtbar und verständlich angeben, wie viel Zucker da drin ist, wäre das zwar transparent – aber nicht eben verkaufsfördernd für ein angebliches Fitnessprodukt.

2. Erleben Sie positive Beispiele für transparentes Verhalten in der Lebensmittelindustrie?

Freiwillig gibt es das nur in Ausnahmefällen. Zum Beispiel hat Frosta, ein mittelständischer Hersteller von Tiefkühlkost, auf einem Teil seiner Produkte die von den Verbrauchern geforderte Nährwertkennzeichnung mit Ampelfarben eingeführt, während sich der überwiegende Rest der Branche mit allen Kräften gegen die Ampel wehrte. Das ist positiv, aber natürlich hat Frosta dabei auch den Marketingeffekt im Blick gehabt. Das Problem ist: Viele Unternehmen sind Getriebene des Wettbewerbs. Wenn ein Hersteller als einziger auf seine Frühstücksflocken drauf schreibt: Achtung, hier ist viel Zucker drin – dann kaufen die Leute ein Konkurrenzprodukt. Dort ist vielleicht dieselbe Zuckermenge drin, aber es steht eben nicht drauf. Der Ehrliche ist der Dumme, das ist ein großes Problem für die Unternehmen.

3. Wie sehr schaden Unternehmen sich Ihrer Meinung nach mit Intransparenz?

Noch nützt ihnen die Intransparenz sehr viel mehr, als dass sie ihnen schadet. Ein Schaden entsteht erst, wenn das Image leidet, weil ein Unternehmen geforderte Informationen vorenthält oder die Kunden ganz gezielt in die Irre führt. Beides passiert, aber noch wissen zu wenige Verbraucher, dass dies ein flächendeckendes Problem ist, und deshalb müssen sich die Firmen zu selten dafür rechtfertigen. Wir arbeiten daran, dass sich das ändert. Intransparenz und Irreführung dürfen sich nicht mehr lohnen.

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4. Braucht es den Druck durch die Öffentlichkeit, um Unternehmen zu überzeugen, ihre Strategien zu verändern? Oder gibt es Fälle, in denen Foodwatch sich direkt an die Konzerne wendet, bevor Skandale entstehen?

Wir reden immer wieder mit Herstellern oder Handelsunternehmen und argumentieren für unsere Positionen. Von unserer Seite aus müsste viel mehr gesprochen werden – allerdings ist die Gesprächsbereitschaft in der Industrie, vorsichtig formuliert, nicht überall besonders groß. So gehen die Unternehmen allerdings nicht nur mit uns um, sondern auch mit ihren Kunden. Ein Beispiel: Nachdem der Einsatz von Palmfett öffentlich in der Kritik stand, hat eine Dame einem großen Keks-Hersteller die einfache Frage gestellt, ob bei einem bestimmten Produkt Palmfett eingesetzt werde. Und was hat sie als Antwort erhalten: Erstens die Gegenfrage: Warum wollen Sie das überhaupt wissen? Und zweitens die Aussage: Das unterliegt der Geheimhaltung. Meine Prognose ist, dass sich die Lebensmittelindustrie diese Ignoranz nicht mehr lange kann und solche Gespräche wird führen müssen. Aber ohne öffentlichen Druck geht es nicht.

5. Manche behaupten, Skandale verschwinden mit abklingendem Medienrummel wieder aus den Köpfen der Konsumenten. Ist es dennoch wichtig, neben klassischem Marketing auch durch offenes Agieren die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens zu unterstützen?

Es geht hier nicht um Marketing, sondern um Aufklärung, und ihre Glaubwürdigkeit zerstören die Unternehmen schon selbst durch ihr Handeln. Unsere Aufgabe ist es, der Industrie auf die Finger zu schauen – und auf die Finger zu klopfen, wo es nötig ist. Sie haben natürlich Recht: Von den Medien wird am liebsten alle paar Tage eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Deshalb müssen wir immer wieder auf die Probleme hinweisen, solange sie noch nicht gelöst sind. Die Intransparenz auf dem Lebensmittelmarkt, dass die Industrie beinahe schalten und walten kann wie sie möchte, auch zulasten der Verbraucher, das ist ein permanenter Skandal. Zum Glück gibt es dafür so viele unterschiedliche Beispiele, dass das Interesse an Berichterstattung nicht abnimmt.

6. Wie sorgt Foodwatch für Transparenz innerhalb der eigenen Organisation?

Wer Maxime wie Transparenz einfordert, muss sie natürlich auch selbst beherzigen. Wir legen deshalb zum Beispiel unsere Finanzdaten offen und lassen sie freiwillig durch einen Wirtschaftsprüfer im Hinblick auf die gemeinnützige Verwendung der Gelder überprüfen. Auf unserer Internetseite kann jeder nachlesen, woher unsere Einnahmen kommen und wofür wir sie verwenden. Großspender mit einem Betrag von über 5000 Euro werden dort namentlich genannt. Und damit keine Interessenkonflikte aufkommen, bleiben wir finanziell unabhängig von der Lebensmittelindustrie und auch vom Staat.

7. Ist es wichtig, dass Foodwatch-Mitarbeiter sich mit der Organisation identifizieren können? Wird ein durchgängiges Corporate Behaviour in Ihrer NGO gefördert?

Wenn Sie damit meinen, dass alle foodwatch-Mitarbeiter nur noch regionale Bioprodukte vom Wochenmarkt einkaufen dürfen, kann ich Sie beruhigen. Wir sind alle ganz normale Verbraucher, hier gibt es keine Vorgaben. Aber, keine Frage: Bei einer NGO ist es natürlich enorm wichtig, dass sich das Team mit den Zielen der Organisation identifiziert. Wir haben 11 feste Mitarbeiter – wenn fünf davon sagen, sie wollen die Ampelkennzeichnung gar nicht, wird es schwierig. Deshalb ist bei uns das ganze Team auch in inhaltliche Diskussionen mit eingebunden.

Danke.

Klaus Eck